Kultur : Heute ist morgen - In der Philharmonie

Maxi Sickert

Danke, dass ich hier sein darf! Die neue Bescheidenheit des Al Jarreau, seiner Ästhetik des Rollkragenpullovers seit dreißig Jahren treu, ist echt. Er ist dankbar, dass er nach sechs Jahren auf dem Abstellgleis des alternden Stars wieder umjubelt auf der Bühne steht. "Tomorrow Today" ist der programmatische Titel seiner Tournee und neuen Platte . Begeistertes Klatschen begrüßt den Mann, der wie ein verspieltes Kind über die Bühne der Philharmonie tanzt und mit seinen atemberaubend schnellen und melodischen Scat-Improvisationen alle Menschen im Raum sofort in seine Musik hineinzieht. Doch immer dann, wenn die ganze Band auf einmal alles geben will, verdichtet sich der Sound zu einem undifferenzierten Dröhnen, das den Eindruck von der Bühne zu einem optischen Bild reduziert. Ein Polaroid von schwarzgekleideten Menschen mit einem weißen Rollkragen in der Mitte und leuchtend roten, wassergefüllten Pappbechern. Dann wird es wieder ruhiger. Aus der Kehle von Al Jarreau lösen sich die Töne sanft und dann immer schneller. Sie schrauben sich zum Falsett nach oben, um wieder in eine dunkle, weiche Tiefe zu gleiten. Seine neuen Songs werden eingebettet in Vertrautes, das Konzert schließt mit dem Titelstück seiner neuen Platte und der Zugabe "Take Five". Stehender Applaus holt ihn nochmal zurück. "Dies ist der Beginn meiner zweiten Karriere", ruft Al Jarreau begeistert aus. Es ist die Wiedergeburt eines Sterns, der schon am Verlöschen war.

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