Kultur : Heute könnte ich ohne Umschweife töten

Schreiblust und Triebbefriedigung: In seinen frühen Tagebüchern rettet sich der große serbische Schriftsteller Aleksandar Tišma vor sich selbst

Gregor Dotzauer

Was sie ihm nicht alles an den Kopf hätten werfen können: Scheusal. Verräter. Oder für den Anfang einer langen, heftigen Szene: Egozentriker. Aber Aleksandar Tišma scheint erstaunlich gut davongekommen zu sein im virtuosen Wirrwarr seiner Liebschaften – außer es gehörte zu seiner Ich-Bezogenheit, solche Vorwürfe gar nicht erst zu hören. Wieviel wohlwollender soll man jemanden nennen, dem bei seiner unermüdlichen Jagd auf Frauen jedes Mittel Recht ist? („Ich gebe mich bei den Straßenmädchen als Detektiv aus, weide mich an ihrer Angst und drücke dann ein Auge zu, damit sie mir zu Willen sind.“) Einen, der heimlich fremde Briefe liest? („Sie ließen sich, da schlecht verklebt, leicht öffnen.“) Einen, der in fremden Notizen stöbert? („Oljas Tagebuch, das aus ihrem Beutel hervorlugte.“) Einen, der von der eigenen Aggressionslust überfallen wird: „Heute könnte ich ohne Umschweife töten – das ist wohl der Gipfel.“

Wozu andererseits soll man für jemanden Bezeichnungen finden, der sich selbst mit größtmöglicher Präzision einer Schandtat nach der anderen bezichtigt? „Ich schreibe und schreibe, nur um das alles eines Tages zu vernichten“, notiert der 24-Jährige in seinen Tagebüchern. „Denn dies darf niemandem in die Hände fallen, nicht wahr?“

Daraus ist nichts geworden. Nicht nur, dass Aleksandar Tišmas Selbstergründungen aus den Jahren 1942 bis 1952 unter dem Titel „Reise in mein vergessenes Ich“ ein halbes Jahr nach seinem Tod nun auf Deutsch erscheinen, der große serbische Schriftsteller hat sie im Original schon 1991 bei seinem Stammverlag Matica srpska in seiner Heimatstadt Novi Sad veröffentlicht – sicher auch nicht zur Freude seiner Frau, die am 15.11.1949 einen ersten Auftritt hat: „Sa., die ich hier in der Bibliothek kennenlerne, erinnert mich in ihrer Schönheit und Begeisterungsfähigkeit an Gy. Wird sie mich auch wie Gy. liebgewinnen?“

Hoffnung auf Absolution

Was ist das für eine Ehrlichkeit, die sich hier kundtut? Geht es um Selbstreinigung? Um die Hoffnung auf Absolution? Um die Herstellung von Literatur in einer Lebensphase, in der einem nur das eigene Leben als Material zu Verfügung steht?

In ihrer Knappheit und Verdichtung sind Tišmas Eintragungen alles andere als Zufallsergüsse einer geplagten jungen Seele. Sie sind aber auch alles andere als Stilübungen: Sie sind die Orte, an denen sein Leben eine Form bekommt. Texte, an denen sich Tišma, beginnend mit Rechenschaftsberichten des 18-jährigen Gymnasiasten, festhält, um sich mehr und mehr von ihnen abzustoßen. Rettungsversuche eines Mannes, der sich auf der Suche nach einer Aufgabe, einem Werk, schließlich schreibend am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Und allmählich sieht er von den eigenen Erlebnissen ab, verwandelt den autobiografischen Stoff in erzählerisches Material und wendet sich dem Leben anderer Menschen zu.

Man kann diese Tagebücher als éducation sentimentale eines seiner Möglichkeiten noch ungewissen Schriftstellers lesen und sie literaturwissenschaftlich auswerten, zumal sie zahlreiche Hinweise auf Autoren enthalten, die den jungen Aleksandar Tišma beschäftigt haben: André Gide, André Maurois,Theodore Dreiser, D.H. Lawrence, Marcel Proust, Gyula Krúdy, Sándor Marai und viele andere. Auch die leibhaftigen Begegnungen mit Bogdan Ciplic´, einem Schriftsteller aus Novi Sad, in dem Tišma eine Autorität sah, spielen eine wichtige Rolle.

Vor allem aber sind die Tagebücher, die von den „Meridianen Mitteleuropas“ ergänzt werden, einem Reisebericht nach Budapest und Wien vom Herbst 1961, menschliche Dokumente. Ob sie einem sympathisch sein mögen oder nicht: Sie erinnern daran, aus welchen Seelenlagen heraus Literatur gestaltet wird, ohne dass sie deshalb etwas schlecht Erfundenes sein müsste oder gar Kompensation eines verhinderten Lebens. Und sie erklären, welche Kälte Tišma erst in sich entdecken musste, bevor er sie bei anderen diagnostizieren konnte. Insofern ist Tišmas Reise in sein vergessenes Ich sowohl Bestandteil seines Werks wie etwas Vor- und Ausgelagertes.

Wenn man also wissen wollte, ob man sich für diese Tagebücher auch interessieren könnte, wenn nicht ein weltberühmter Schriftsteller sie geschrieben hätte, bliebe als Antwort nur ein entschiedenes Ja. Sie bieten, auf ganz andere Weise als die nicht minder bewegenden Tagebücher von Cesare Pavese oder John Cheever, eine eigenständige Lektüre. Man muss keine Zeile von Tišmas Romans „Der Gebrauch des Menschen“ oder der anderen Werke gelesen haben, um bei der Lektüre der Tagebücher eine ähnliche Faszination und Abstoßung zu empfinden, wie sie seine Chronik der Gewalt im Novi Sad des 20. Jahrhunderts provoziert. Die ethnischen Konflikte zwischen Serben, Ungarn und Juden, die er bis in die engsten Verstrickungen von Opfern und Tätern hinein verfolgt, sind hier auf einer noch privateren Ebene als in seinen Fiktionen aufzufinden – und zwar nicht, weil er sich zwangsläufig selbst der Nächste wäre, sondern weil alles Historische seltsam ausgeblendet ist.

Harem oder Sozialismus

Das ein halbes Jahr vor Einsetzen des Tagebuchs im Juli 1942 verübte Massaker deutsch-ungarischer Truppen an den Juden von Novi Sad, das er später mehrfach als prägende Erfahrung beschrieben hat, klingt hier nur von ferne nach. Das transsylvanische Arbeitslager oder der Dienst in der Armee: Sie liefern nicht mehr als den atmosphärischen Hintergrund seiner intimen Konflikte und des Wunsches, Schriftsteller zu werden. Und von seinen politischen Konflikten als Journalist in Titos Jugoslawien, vom Opportunismus, dem er begegnet und der Dummheit, bleibt vor allem der „Hass auf all diese Heuchelei, die da Journalismus heißt“. Der Rest bewegt sich im Libidinösen: „Könnte ich wählen zwischen der Realisierung des Sozialismus und einem Harem – als Quelle persönlichen Glücks –, würde ich mich immer für das zweite entscheiden.“

Bei aller Egomanie ist Tišma in der Analyse psychologischer Mechanismen jedoch zu klug, als dass er nur ein selbstherrlicher Zyniker wäre. In der Genauigkeit, mit der er versucht, sich auf die Schliche zu kommen, steckt ein Staunen über die Manipulierbarkeit des Menschen: Nein, so banal, so mechanisch kann es doch nicht funktionieren. Und von Anfang an schwingt so etwas wie enttäuschte Liebe in seinen Beobachtungen mit, eine Idee davon, was das Andere dieser umfassenden Gleichgültigkeit wäre, die ihn zwischen halbherzigen Frauenfreundschaften, schnellen Eroberungen und Huren kaum einen Unterschied machen lässt: „Eine Prostituierte, die ich kaufe, ist tatsächlich nur ein Gegenstand, an dem ich meine Leidenschaft verwirkliche – also die ideale Frau.“

In Tišmas Tagebüchern erstarrt das zitternde Herz eines jungen Mannes, das sich nun, zur Schrift geworden, auf seine Bestandteile hin untersuchen lässt: zehn Prozent Selbstzweifel, zwanzig Prozent intellektuelle Neugier und und siebzig Prozent Trieb und Triebbefriedigung. Eine Mischung, bei deren Lektüre man sich immer wieder peinlich berührt fühlt, als würde man unbefugt Einblicke in ein Leben nehmen, dessen animalische Anteile man lieber nicht wahrnehmen möchte. Was, könnte man sich aber zugleich fragen, sagt es wirklich über die Persönlichkeit eines Menschen aus, dass er in hohem Maße triebgesteuert ist? Ist die menschliche Achtlosigkeit, die Tišma auf seine Affären verwendet, nicht auch ein Spiegelbild der Verachtung für die eigenen Bedürfnisse? Was bleibt nach Abzug von acht Stunden im Bett, zwei Stunden am Esstisch und einer halben Stunde im Bad übrig für den Einzelnen und seine Individualität? Es ist auch dieser Kampf, von dem diese Tagebücher erzählen. Die Zeit, die die ungleichen Gegner dabei beanspruchen, verrät nur einen Teil über ihre wahren Stärken.

Aleksandar Tišma: Reise in mein vergessenes Ich. Tagebuch 1942-1951. Die Meridiane Mitteleuropas. Aus dem Serbischen von Barbara Antkowiak. Carl Hanser Verlag, München 2003. 319 Seiten, 21,50 €.

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