Kultur : Heute vor 10 Jahren: Das Parlament will sich verhüllen lassen

Bernhard Schulz

Eine Verhüllung des Reichstages würde nicht einen, nicht zusammenführen, sie würde polarisieren“, mahnte Wolfgang Schäuble vor der Entscheidung des Bundestages über das Vorhaben des bulgarisch-amerikanischen Künstlers Christo, den Reichstag zu „verhüllen“. Die Entscheidung fiel bekanntlich anders aus. Heute vor zehn Jahren votierte das Parlament mit 292 zu 223 Stimmen dafür, das von der Geschichte umdüsterte Gebäude mit silbriger Folie einhüllen zu lassen. Anders als Schäuble damals argwöhnte, haben Millionen von Menschen Christos Vorhaben verstanden – und, mehr noch, geliebt.

Es war nicht selbstverständlich, dass der Bundestag sich mit ästhetischen Fragen beschäftigt. Vor zehn Jahren musste man Parallelen zu jener Reichstagsdebatte des Jahres 1904 ziehen, als es um die Teilnahme des Reiches an einer Weltausstellung ging. Inzwischen hat das Parlament Selbstvertrauen gewonnen: Es ließ seine Neubauten von Künstlern schmücken, einig in der Auffassung, dass den Gebäuden der Volksvertretung eine künstlerische Ausstattung geziemt. Bei Christos und Jeanne Claudes Projekt herrschten indes Zweifel, ob der „Würde“ des Bundestages gebührend Respekt gezollt werde.

Hinterher ist man immer klüger: Etwa fünf Millionen Menschen haben das Experiment Reichstagsverhüllung gesehen und genossen. Die Frühsommerwochen, in denen das silbrig glänzende Kleid um den Reichstag wehte, werden vielen für immer in Erinnerung bleiben. Den von Schäuble befürchteten Schaden hat die Aktion des Bulgaro-Amerikaners Christo Javacheff wahrlich nicht angerichtet. Im Gegenteil: Die beiden Wochen des Silbervorhangs haben die Deutschen nicht allein mit einem bis dahin missachteten Gebäude bekannt gemacht, sondern auch mit ihrer missachteten Geschichte. Wir wissen heute, wofür der Reichstag in der Zeit seiner ersten parlamentarischen Nutzung stand, und wir wissen, wofür er heute steht. Christos Silberhülle verbindet eine Vergangenheit, die uns fern und fremd geworden war, mit einer Gegenwart, auf die wir mit dem Bewusstsein derer schauen, die ihre Geschichte zu verstehen suchen. Nicht zuletzt dank Christo.

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