Kultur : "Heute weder Hamlet": Das Leben ist so

Christoph Funke

Ingo Sassmann, der erst unwillig, dann feurig plaudernde Vorhangzieher, erscheint in der Kömödie am Kurfürstendamm in Gestalt von Walter Plathe. Dem Autor Rainer Lewandowski muss zugestanden werden, mit seinem Monolog "Heute weder Hamlet" einen Text aus den abgründigen Untiefen des Theateralltags geschrieben zu haben und zugleich eine fröhliche Spinnerei: Hauptdarsteller nicht spielfähig, Vorstellung fällt aus, Publikum bleibt sitzen, Sassmann übernimmt im Alleingang - und macht den Leuten etwas vor. Das ist wahr und erfunden, komisch und tragisch, alltäglich und verrückt. Gerade weil aus dem Tun und Lassen der Gaukler und ihrer Helfer so kundig erzählt wird, findet jeder sein eigenes, ähnlich verrücktes Dasein in der fulminanten Theater-Offenbarung wieder. Plathe zeigt zunächst den muffligen, schwerfälligen Bühnenknecht, der die Leute im Parkett loswerden will. Und kommt in Fahrt. Führt den Zärtlichen vor, den Genießer, der aus jeder Handreichung Lust bezieht und so die Kraft gewinnt, den Diener ganz abzustreifen. Ein Komödiant entsteht: Plathe, als Sassmann, wirft sich in Positur, mit Taschentuch, Schal, Mantel, holt aus seiner gedrungenen Gestalt Liebhaber und Tragöden hervor, spielt das gestische, mimische Repertoire ganzer Schauspielepochen atemberaubend schnell herunter. Wie sich Leute "vom Fach" verbeugen, wie Hamlet mit dem Totenschädel kommuniziert oder Romeo mit Julia - Plathe macht es vor. So kann er sich auch ins Klamottige werfen, vom schönen Sigismund singen, den Albers parodieren. Der Unfug feiert Feste, immer mit Charme und doppeltem Boden. Dieser Sassmann rackert bis zur Erschöpfung, zeigt den Leuten - detailiiert inszeniert von Klaus Gendries - wie es wirklich ist. Was vor und hinter dem dunkelroten Vorhang mit Fahne, Königsstuhl, Leiter passiert, ist von anmutig unpreußischer Genauigkeit.

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