Kultur : Heydt-Museum in Wuppertal: Mit dem Westen, gegen den Westen

Bernhard Schulz

Unerschöpflich sind die Depots der großen Museen in Moskau und St. Petersburg. Unter der Stalin-Diktatur wurden sie zu Geheimarchiven des um 1917 so ungemein vielgestaltigen künstlerischen Aufbruchs, den der Parteiapparat alsbald als Konterrevolution verdammte.

Über Jahrzehnte hinweg hatten nur Auserwählte Zutritt zu den verschwiegenen Verliesen des Sowjetreichs. Sie erweisen sich seit der schrittweisen Öffnung zu Gorbatschows Zeiten als wahre Schatzkammern. Erneut hat jetzt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum seine exzellenten Beziehungen zum Petersburger Staatlichen Russischen Museum genutzt, um eine komplette Ausstellung nach Deutschland zu holen. Diesmal ist der russische Futurismus das Thema, erweitert um eine Werkauswahl von David Burljuk, einem fulminanten Vertreter des Futurismus, der nach der Oktoberrevolution von 1917 aber emigirierte und künstlerisch andere Wege einschlug.

Überwiegend unbekanntes Material wird in Wuppertal präsentiert. Allerdings hat die kaum noch zu überblickende Vielzahl der Ausstellungen russisch-frühsowjetischer Kunst in den letzten zwanzig Jahren die Messlatte immer weiter in die Höhe gerückt. Die Sensation der erstmaligen Öffnung der Depots ist inzwischen Vergangenheit. Mittlerweile zählt allein der Erkenntnisgewinn.

Da vermag die Wuppertaler Ausstellung tatsächlich eine Lücke zu füllen, denn dem Seitenzweig des Futurismus war bislang keine erschöpfende Übersicht gewidmet. Die diesem Thema gewidmeten Berliner Festwochen von 1983 konnten sich noch nicht auf die russischen Museumsbestände stützen - hatte dafür aber die erste und einzige futuristische Oper "Sieg über die Sonne" von 1913 zum Mittelpunkt, die in Wuppertal keine Erwähnung findet. Wie auch die anderen Strömungen der russischen Kunst in der gärenden Endphase des Zarentums überrascht der Futurismus durch die enge Verknüpfung von bildlichen und literarischen und eben auch musikalischen Ausdrucksformen. In Wuppertal ist eine Vielzahl von Zeitschriften und Plakaten zu sehen, die eine Ahnung geben von Lautgedichten und der Visualisierung von Texten. Das italienische Vorbild ist überall spürbar; der futurismo war die in Europa wohl am raschesten aufgegriffene Neuerung des anbrechenden 20. Jahrhunderts. Marinetti, der große Propagandist des Futurismus, kam im Januar 1914 nach Moskau und pries - wie alle westlichen Besucher - die "Kraft" Russlands.

Das ist der eine Impuls - der andere ist die Rückbesinnung auf die bäuerliche Tradition, die an der offiziösen Petersburger Akademie zutiefst verachtet wurde. Der Antiakademismus der Moderne gewann in Russland ein spezifisch "bodenständiges" Element. Die Farbenfreude der Volkskunst, ihre ungeschliffenen Formen griffen Künstler wie David Burljuk auf. Zugleich aber ist die Hinwendung zur Volkskunst ein gesamteuropäisches Phänomen: Gerade Burljuk hatte es in München beim "Blauen Reiter" sehen können, wohin ihn Landsmann Kandinsky eingeladen hatte. Natalija Gontscharowa, eine der Zentralfiguren des russischen Futurismus, erklärte 1913 bündig: "Die Kunst meines Landes ist ungemein tiefer und vor allem bedeutender als alles, was ich im Westen kenne." Mit der Absage an den Westen distanzierten sich die Künstler zugleich von den reichen Sammlern, die die Zeitgenossen Picasso und Matisse bevorzugten.

Andererseits blieb der Einfluss der französischen Avantgarde bestimmend, und futuristische Elemente wie die Visualisierung der Bewegung und solche des Kubismus wie die Mehransichtigkeit des Gegenstandes verschmolzen in Russland, man denke an den berühmten "Radfahrer" der Gontscharowa aus dem Jahr ihres Abgesangs an den Westen. Der "Kubofuturismus", letztlich eine gesamteuropäische Stilmischung, fand in Russland seine fruchtbarste Ausprägung.

Ihre Mühe hat die Wuppertaler Ausstellung damit, die verschiedenen Strömungen zu trennen. Dieselben Künstler experimentierten oftmals zeitgleich mit konträren Anregungen. Nicht recht deutlich wird im Von der Heydt-Museum, dass die Oktoberrevolution in künstlerischer Hinsicht zwar einen gewaltigen Aufbruch, zugleich aber dessen baldiges Abklingen bewirkte. Die herausragenden Gemälde entstammen durchweg den zwei, drei Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Später trat die angewandte Kunst in den Vordergrund. Doch die in der Ausstellung gezeigten Stoffmuster der zwanziger Jahre gehören eher dem Konstruktivismus und eben der speziell sowjetischen "Produktionskunst" an, als dass sie dem Ausstellungsthema zurechnen.

Da hilft der Katalog nur bedingt weiter, der vom Petersburger Leihgeber gleich mitgeliefert wurde. Ihm fehlt es bedauerlicherweise an einem Literaturverzeichnis, aus dem die weitreichende Beschäftigung westlicher Historiker und Museen mit dem Thema hervorginge. Die Kunstwerke können reisen - doch in solcher Beschränkung des Katalogs zeigt sich, wie weit der Weg noch ist bis zu jenem umfassenden Austausch, der in den stürmischen Jahren des Futurismus in ganz Europa selbstverständlich war.

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