Kultur : Hie Sirenenklänge, dort Skandalmusik

PETER BECKER

Claus Peymann am Berliner Ensemble und Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Team 2000 sind Zukunftsignale.Dagegen droht mit Radunskis Rettungsplan für das Metropol-Theater ein DesasterVON PETER VON BECKERNoch spuken ein paar Gerüchte, aber man kann erwarten, daß zwei Zukunftsentscheidungen für die Berliner Theaterszene in diesen Tagen getroffen werden.So soll Claus Peymann voraussichtlich am 26.März als künftiger Intendant des Berliner Ensembles (BE) öffentlich präsentiert werden.Und demnächst möchte Jürgen Schitthelm, Gründungsgesellschafter der Berliner Schaubühne, jenes "Team 2000" vorstellen, das in zwei Jahren am Lehniner Platz für eine Erweckung aus Lethargie und vornehm-hilfloser Starre sorgen soll.Gleichfalls bis Ende März noch möchte Berlins Kultursenator Peter Radunski auch eine dritte Entscheidung vorbereitet haben: mit einer Senatsvorlage und dem ihr beigefügten Vertragsentwurf für eine Neukonstruktion des Metropol-Theaters, des krisenzerrütteten Operettenhauses in der von Kommerz und Entertainment heißbegehrten Friedrichstraße.Hier freilich bahnt sich ein Desaster an - wenn nicht schon ein Skandal.Zunächst jedoch die besseren Zukunftszeichen.Peymann war in den letzten Wochen immer wieder auch als Intendant in Hamburg oder als Leiter der Salzburger Festspiele ins Gespräch gebracht worden.Lange hatten in Berlin die Vertragsgespräche gestockt, lange waren die mit Rolf Hochhuths Holzapfel-Stiftung zu verhandelnden Pachtverhältnisse am Schiffbauerdamm im Ungewissen.Nun scheinen alle Fragen geklärt, und Peymann, zu dem es keine seriöse personelle Alternative gab, wird das BE nach Ablauf seiner Burgtheater-Direktion Mitte 1999 übernehmen.Fraglich ist nur: mit wem? Durch die Verzögerungen ist die Vorbereitungszeit von nunmehr gut einem Jahr für einen künstlerisch ambitionierten Neuanfang ungewöhnlich kurz.Und von Peymanns langjährigen Protagonisten werden die besten wohl erst einmal in Wien bleiben, die Schauspieler Gert Voss, Kirsten Dene oder Martin Schwab wollen Peymann nicht folgen.Vorerst bleibt ihm nur sein vertrauter (und unersetzlicher) Adlatus Hermann Beil; und neben allen Subventions- und Renovierungsfragen wird spannend sein, welches Programm in Gestalt von Regisseuren und Autoren der Noch-Burgherr anzubieten hat.Peymanns Lieblingsdramatiker Thomas Bernhard ist schon eine Weile tot, und das in Wien zu Recht gehegte (österreichische) Trio Handke, Jelinek, Turrini bedeutet für Berlin noch keine besondere Verheißung.Peymann, selber bald 61, braucht jüngere Kräfte, auf allen Gebieten, doch von den Burg-Regisseuren der Generation unter 40 versprach bisher als einziger Peter Wittenberg (dessen Schwab-Inszenierung "Die Präsidentinnen" auch beim Berliner Theatertreffen zu sehen war) so etwas wie Zukunft.Das künftige BE-Programm lautet zunächst mal nur: Peymann.So wie es für die Schaubühne "Thomas Ostermeier und die Baracke" heißt.Ostermeier, Kopf der gewitzten kleinen Schaubude (des Deutschen Theaters), wird ab Mitte 2000 wohl der neue Chef der großen Schaubühne sein.Eine berühmt-berüchtigte "Viererbande" soll es nach Jürgen Schitthelms Vorsatz nicht geben.Wohl aber ein junges Künstler-Team aus dem "Baracken"-Kern, programmatisch und personell vermutlich noch etwas nuklear angereichert - darüber berät man in diesen Tagen: um dann mehr als nur die längst bekanntgewordenen Namen öffentlich präsentieren zu können.Bis zum Jahr 2000 aber möchte Schitthelm mit Luc Bondy, Andrea Breth, Klaus Michael Grüber "und zwei, drei weiteren Regisseuren" eine gewisse Kontinuität der alten neuen Schaubühne gewahrt sehen, und den Aufbau eines Ostermeier-Ensembles soll auch die angestrebte Kooperation mit Peter Steins Hannoverschem Expo-"Faust"-Projekt nicht behindern.Wenn "Faust" kommt - und der Maestro und Schitthelm reden nach Steins letzter Verfluchung der Schaubühne wieder miteinander -, dann nur als extern produzierte Veranstaltung, ohne direkte finanzielle oder künstlerisch mitverantwortliche Beteiligung der Schaubühne.Ob Stein und die Expo die hierfür nötigen Fremdmittel aufbringen werden, soll sich bis Ende Mai entscheiden.Thomas Ostermeier und seine kaum dreißigjährigen Mitstreiter, die noch kaum auf einer großen Bühne inszeniert haben, werden als Steins, Breths, Bondys Erben bis zum Jahr 2000 künstlerisch, handwerklich, organisatorisch allerdings noch eine Menge Erfahrungen sammeln (müssen)."Shoppen und Ficken", der jüngste Baracken-Renner, und eine hohe Dosis athletischer Intelligenz machen noch nicht ganz die Schaubühnen-Zukunft.Darum wirkt die Entscheidung für die Ostermeiers allemal kühn - aber wer zuletzt an diesem Theater die zwischen Kitsch und Kinderspiel weihevoll dilettierende "Iphigenie" gesehen hat, in der auch der magische Grüber nur durch wundersame Regie-Abwesenheit noch zu ahnen war, der weiß: nur Kühnheit, ja Tollkühnheit kann bei der jetzigen Schaubühnen-Agonie noch helfen.Nur ein Überlebensschock.Keine Schocktherapie, vielmehr ein millionenteurer Todesstoß wäre dagegen, was Berlins Kultursenator jetzt als vermeintlichen Neubeginn des Metropol-Theaters im Schilde führt.Radunski möchte, daß nach dem künstlerischen und finanziellen Bankrott der Kollo-Direktion nun möglichst schon im September sich an der Friedrichstraße wieder der Vorhang hebt.Dazu verhelfen soll die Übergabe der maroden Operettenbühne an die Stuttgarter Firma "Dekra Promotions", die unter ihrem rührigen Manager Rainer-Robert Vögele ein demnächst in Baden-Baden zu eröffnendes Festspielhaus betreibt und mit dem Metropol eine Produktionsgemeinschaft anstrebt.Vögele möchte in Baden-Baden, nach frühsommerlichen "Internationalen Musikfestspielen", den Herbst und Winter über gerne Operetten spielen, als Touristenattraktion für die Provinz (und für ein rheinauf und -ab vermutetes Rentnerpublikum).Da fragt sich zwar, wie das "Schwarzwaldmädel" aus Baden-Baden so ohne weiteres als Großstadtentertainment in der Berliner City reüssieren mag, ganz abgesehen davon, daß Baden-Baden in spe (2500 Zuschauer) und das Metropol selig (1400 Plätze) völlig unterschiedliche Bühnenverhältnisse haben.All das aber müßte die Öffentlichkeit noch nicht interessieren, wenn Vögele & Co.hier auf eigene Rechnung und Risiko handelten.Radunski freilich plant keine wirkliche Privatisierung des Operettenhauses.Für das Metropol sollen aus dem Kulturhaushalt weiterhin 25 Millionen Mark Subvention aufgewendet werden: bei einem Vabanquespiel, das der in Sachen Operette (trotz seines von Peymann erfundenen Spitznamens) arg- und ahnungslose Senator hier wider den Rat aller Kenner betreibt.Schon René Kollo hatte das Haus 1996 ohne Konzept und wirkliche Perspektive übernommen: eine DDR-Altlast, vom Foyer bis zum Schnürboden abgetakelt, vermufft, und Kollos programmatisch angesetzte "Lustige Witwe" wurde ein Trauerfall, musikalisch und inszenatorisch von geschmackloser Armseligkeit und trotzdem teures Talmi.Künstlerisch ein Offenbarungseid.Daran muß man noch jetzt erinnern, weil Kollos Lobby und Kollos Gegner (die geprellten, um ihre Arbeitsplätze bangenden Metropol-Mitarbeiter) zusammen mit einem nicht einflußlosen Freundeskreis des Theaters eine letztlich unselige Allianz bilden und Publikum und Politikern die Mär einreden, eine kurzfristige Rettung der Bühne sei möglich und nötig.Tatsächlich aber wäre der geplante Vertrag mit Vögeles Firma nicht viel mehr als eine populistische Spekulation - und eine absehbare Totgeburt.Zu Lasten des Steuerzahlers.Denn es existiert auch jetzt kein künstlerisch ernstzunehmendes oder ökonomisch verheißungsvolles Konzept.Vögeles Mann fürs Metropol ist zunächst der gleiche wie für die (ganz anders gedachten) Baden-Badener Festspiele: Günter Könemann, Generalintendant a.D.des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, dort viele Jahre lang Repräsentant des absoluten Mittelmaßes, zweite Garnitur und vor allem kein Fachmann für modernes Entertainment, für Unterhaltungstheater oder gar jenen künstlerischen Opertetten-Drall, den in Berlin zuletzt das "Weiße Rößl" in der Bar jeder Vernunft bewiesen hatte.Den Traum jedenfalls vom "Webber der Operette", den man Radunski womöglich eingeredet hat, verkörpert niemand aus Vögeles Stall.Und wer an der Flittermeile Friedrichstraße künftig erstklassiges, publikumswirksames Unterhaltungstheater machen könnte, den müßte man zunächst suchen - und ihm dann ein, bis zwei Jahre Vorbereitungszeit geben.Vor allem müßte das marode Metropol erst einmal grundsaniert werden.Hierzu liegen dem Senat noch aus den Zeiten des Kultursenators Roloff-Momin diskutable, differenzierte Pläne vor, von Privatinvestoren, die auch das angrenzende Areal, bislang Brachland in der City, sinnvoll mit einem technisch renovierten Metropol-Theaterkomplex verbinden könnten.Dabei gehörte das Metropol-Vorhaben, ebenso wie der Friedrichstadt-Palast, sinnvollerweise in den Zuständigkeitsbereich der Wirtschafts- und Tourismusförderung, also längst ausgegliedert aus dem Kulturhaushalt.Dort sind die Gelder, wo erstrangige Kunst- und Wissenschaftseinrichtungen zu darben beginnen, wirklich vonnöten.Ein kultursubventionierter Vögele-Vertrag aber wäre unter den jetzigen Umständen ein Skandal.Und Berlin hätte aus allen Schwenkow- und Boksch-Debakeln noch immer nichts gelernt.

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