Kultur : Hier ist klaro angesagt

Peter Laudenbach

Die Bühne ist leer, aufgerissen bis zur schwarzen Brandmauer. Sie liegt in dunklem Dämmer. Wie eine Stimme aus dem Totenreich hört man Einar Schleef sprechen, eine Collage aus Gesprächen, die Alexander Kluge mit ihm geführt hat. Schleef erzählt von dem Baum, den er acht Jahre lang vor seinem Fenster beobachtet hat (" ... in seinem Verfall sah ich meinen eigenen Verfall. Als die Wende kam, hat er seine Äste verloren ..."), er redet über die Aussprache von Gedichtzeilen (" .. . und dann kommt dieses Knack-A"), vor allem aber spricht er von der Anwesenheit der Götter im Theater: Ohne Götter keine antike Tragödie. Eine Gespensterstunde am Sonntagmorgen um elf, eine Totenbeschwörung im Berliner Ensemble.

Als drittes Berliner Theater hat das BE Abschied von Schleef, dem Regisseur und Schriftsteller, genommen. An der Volksbühne versuchte man vor wenigen Wochen mit einer 24-Stunden-Lesung eine Begegnung mit dem toten Künstler. Das Deutsche Theater (DT) hat zu Spielzeitbeginn noch einmal Szenen aus Schleefs letzter Inszenierung, "Verratenes Volk" gezeigt. Beide Häuser spielten in Schleefs Arbeitsbiographie nur eine marginale Rolle: Am DT kam seine letzte Regiearbeit heraus, für die Volksbühne entwarf er vor drei Jahrzehnten sein erstes Bühnenbild. Das BE aber war wohl die wichtigste Bühne in Schleefs schwierigem Theaterleben. Hier zeigte er zu Beginn der 70er Jahre seine ersten Regiearbeiten. Mit seinem Co-Regisseur B. K. Tragelehn sprengte er den sozialrealistischen Formenkanon. Schon damals setzte ein, was in späteren Arbeiten als Öffnung des Theaters zum Ritual wirkte: Das Verlassen der Repräsentation, das Kurzschließen rational fassbarer Vorgänge, sei es politischer oder sozialer, mit archaischen Mustern, mit Sexualität und kollektiven Gewaltvorgängen. "Fräulein Julie" war 1974 seine letzte Inszenierung im Osten. Nach wenigen Aufführungen wurde sie verboten, Schleef ging in den Westen. Heiner Müller holte ihn zwei Jahrzehnte später zurück ans BE; Schleefs brachiale Inszenierung von Hochhuths Pamphlet "Wessis in Weimar" spaltete das Publikum und die Theaterleitung. Müllers Co-Intendant Zadek attestierte Schleef öffentlich, sein Theater der Chöre und körperlichen Exerzitien sei "faschistisch"; ein tief reichendes Missverständnis.

Claus Peymann wollte den die Theater genialisch überfordernden Regisseur in seiner ersten BE-Spielzeit an seine Bühne holen. Am Burgtheater hatte Schleef dem Theaterdirektor Peymann mit der Uraufführung von Elfriede Jelineks "Sportstück" eine grandiose, verstörende Inszenierung beschert. Das im Gefälligen dümpelnde BE hätte Schleefs Formradikalismus als Kontrapunkt zu den bunten Harmlosigkeiten bitter nötig gehabt. Wieder wollte Schleef Jelinek-Texte zur Uraufführung bringen: "Macht Nichts. Eine kleine Triologie des Todes". Wenige Wochen vor der Premiere musste er sich am Herzen operieren lassen, die Aufführung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Zum Abschied von Schleef zeigte das Berliner Ensemble jetzt Fragmente der unvollendeten Inszenierung, einer offenbar wieder monströs ins Gigantomanische wuchernden Theateraufführung. Auf Proben-Videos sieht man Schleef bei der Arbeit, verschwommene Aufnahmen mit verwaschenen Konturen, harten Lichtkontrasten: Dokumente einer vom Tod abgeschnittenen Theaterarbeit. Man sieht den Regie-Despoten, der seinen Chor herrisch zurechtweist ("Dieses bitte probieren Sie, sonst keine weiteren Proben, keine zehn Minuten") oder klare Stringenz der Formen verlangt: "Hier ist klaro angesagt, nicht einfach bloß hoppel-hoppel." Die Videos bilden den Rahmen für Szenenausschnitte. Die unglaublich präsente Elisabeth Trissenaar spielt den Monologe einer Toten: Herb, klar, vielschichtig leuchtet sie Bewusstseinsströme aus. Nina Hoss schreit den Schlussmonolog aus "Sportstück", Jelineks autobiographische Beschwörung des toten Vaters. Elfriede Jelinek selbst liest, allein auf der leeren Bühne, eine Kindheitserinnerung aus Schleefs Buch "Droge Faust Parsifal". Der Chor, langsam durch den Bühnenraum schreitend wie eine Gruppe aus dem Grab gestiegener Toter, singt Schuberts "Der Tod und das Mädchen", ein endlos sich wiederholender Gesang. Bruchstücke, die noch einmal Schleefs Formenkanon zeigen und noch als Fragmente einen Sog entfalten, der den Zuschauer hineinzieht in einen Raum aus Tod, Schmerzen, Erlösungsmetaphern.

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