Kultur : Hier kommt die Verruchtheit!

Molnars Kirmes-Klassiker „Liliom“ im BE.

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Dass Liliom, dieser Karussellschlawiner vom Wiener Prater, zu dem Alfred Polgar in der deutschen Übersetzung die Figur von Franz Molnar gemacht hat, breit wienert – das liegt vielleicht auf der Hand. Aber muss er sich auch gleich geben wie eine plumpe Achtzigerjahre-Mischung aus Falco und Rainhard Fendrich? In zerrissener Jeans über Cowboystiefeln, die Daumen in die Gürtelschnallen gehängt, das Haar nach hinten gegelt, von wo es immer wieder in die von Falten cool zerfurchte Stirn fällt. Schaut sehr fesch aus, Johannes Krisch als Liliom. Man hat sogleich den Fendrich-Refrain: „Macho! Macho!“ im Ohr.

Nach diesem holzhämmernden Sogleich-Prinzip hat Regisseurin Mona Kraushaar die „Vorstadtlegende in sieben Bildern“ auf die Bühne des Berliner Ensembles gezimmert. Wenn zum Beispiel Ursula Höpfner-Tabori als Karussellbesitzerin Frau Muskat im engen Leopardenkleid nach vorne stöckelt, um den abtrünnig gewordenen Liliom als Ansager zurückzugewinnen, dann wackelt sie dabei so aggressiv mit den Hüften oder tippt sich mit ihrem Handtäschchen so eindeutig lockend zwischen die Beine, dass man sogleich sieht: Vorsicht, hier kommt die Verruchtheit! Oder wenn Larissa Fuchs als Lilioms Liebe Julie stoisch auf der fast leeren Drehbühne ausharrt, während Liliom Holt-die-Goschen-schreiend über die Bühne tobt, dann steht sie so kerzengerade, so unerschütterlich, dass man sogleich weiß: Das ist ganz eine Aufrechte!

„Mit dem Gedanken eines armen Schaukelgesellen im Stadtwäldchen, mit seiner Fantasie und seiner Ungehobeltheit“ dachte sich Molnar sein Stück, das im Jahr 1909 erst durchfiel, um Jahrzehnte später zum Kirmes-Klassiker zu avancieren, der die Paraderolle für Volksschauspieler von Hans Albers bis Harald Juhnke bereithielt. Mona Kraushaar hat sich die Ungehobeltheit wohl als Freibrief für hemmungslose Überzeichnung und Augenzwinkerei gedacht. Jeder Zwischenton wird von Großgesten erstickt, jeder Gag wird mit der gleichen aktionistischen Wut breitgetreten, mit der dieser Halbstarken-Liliom seine zu Boden geschnipsten Zigaretten unter der Stiefelsohle zermalmt. Und wenn hier Kaugummi gekaut wird, dann so offenmäulig, dass man die Inlays der armen Anne Schirmacher als zickige Julie-Freundin Marie zählen kann.

Und die Fantasie? Die Himmels-Polizisten, denen Liliom nach seinem Selbstmord begegnet, tragen über den grünen Uniformen flauschige Engelsflügel. Zwischen den Aufzügen fällt das Theater in flackerndes Dämmerlicht und die Bühne beginnt sich märchenhaft zu drehen. Andreas Schäfer

Wieder am heutigen Sonnabend, am 31.5. sowie am 13., 20. und 25.6.

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