Kultur : Hier lebe ich, hier ernte ich

Die Restaurierung von Max Liebermanns Wannseevilla begann mit der Entdeckung eines Wandbildes

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Von Ulrich Clewing

Wahrscheinlich handelt es sich ja um einen Fall von ausgleichender Gerechtigkeit. Das Hin und Her um die Nutzung der Sommervilla Max Liebermanns verlief zäh, war aufreibend, hat Jahre gedauert. Nun aber hat die Max Liebermann-Gesellschaft nicht nur endlich das Haus für sich, sie kann sogar zum Einstand eine kleine Sensation melden. In der dem See zugewandten Loggia der Wannseevilla hat man Spuren eines Wandgemäldes entdeckt, das mit hoher Wahrscheinlichkeit von Max Liebermann selbst stammt. Sollte sich dort unter dem gelblich-beigen Anstrich tatsächlich ein komplettes Gemälde verbergen, so wäre dies eine Rarität: das einzige Wandbild, das Liebermann je geschaffen hat.

Der Großbürger als Sommer frischler

Auf einem Foto aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg kann man den Maler auf der Terrasse seines Sommerhauses sitzen sehen: großbürgerlicher Habitus, forschender Blick – und im Hintergrund, etwas verschwommen, erstreckt sich über die ganze Rückwand hinweg das Bild eines Gartens. Man erkennt einen großen Baum, eine Rasenfläche, die von einem niedrigen hellen Zaun begrenzt wird, eine Hecke – der Rest liegt im Dunklen.

Die Liebermann-Forscherin Margreet Nouwen ist in einer frühen, 1914 erschienenen Biografie des Künstlers auf einen Hinweis auf das Wandbild gestoßen – welches jedoch bei Erich Hancke, dem Liebermann- Biografen, keine Gnade fand. Denn ursprünglich hatte Liebermann offenbar vor, für die Loggia ein ganz anderes Bild zu malen. „Die Komposition“, schrieb Hancke, „war entworfen. Im weißen Sommeranzuge, den Panamahut in die Stirn geschoben steht der Künstler auf einer sonnigen Wiese, im Begriff, Frau und Tochter, die einige Schritte von ihm entfernt sich gelagert haben, in sein Skizzenbuch zu zeichnen.“ Später jedoch entschied sich Liebermann für eine „sehr viel anspruchslosere Dekoration nach dem Vorbilde einer in der römischen Villa Livia gesehenen und an Ort und Stelle von ihm skizzierten Wandverzierung“. Immerhin ist eine Skizze des ersten Entwurfs erhalten, die das Saarland-Museum in Saarbrücken verwahrt.

Anscheinend war auch Liebermann selbst nicht sehr glücklich über seine „ anspruchslose Dekoration“. Spätestens 1927 – die Datierung resultiert aus einem anderen Foto – war das Wandbild wieder übermalt worden. Dass sich die Liebermann-Gesellschaft jetzt so vehement an die Wiederherstellung des Bildes machen will, unterstreicht die Bedeutung des Ortes, die lang genug verkannt wurde. Mit Mühe und Not gelang es schließlich, den hier ansässigen Tauchverein zum Auszug zu bewegen und den erst 1998 vom zuständigen Bezirksamt Zehlendorf um zwanzig Jahre verlängerten Pachtvertrag vorzeitig zu lösen.

Vor einer Woche wurden die letzten Umzugskartons abtransportiert – und wer in diesen Tagen die Villa an der Colomierstraße besucht, bekommt erstmal, wie so oft auf Baustellen, einen gehörigen Schreck. Das Haus und vor allem der Garten sind eine Ruine. Wo einst die von Liebermann gepflegten Blumenbeete blühten, ist jetzt Beton und Asphalt. Nichts gegen den Tauchklub, der hat das Gebäude seinen Bedürfnissen angepasst, es entsprechend genutzt und sich so lange Zeit um dessen Erhaltung verdient gemacht. Doch es wird große Anstrengungen kosten, das Anwesen in einen Zustand zu versetzen, der dem originalen ähnelt. Eine vollständige Rekonstruktion ist ohnehin unmöglich: Liebermann hatte einen Teil des Gartens nur dazugemietet. Die Liebermann-Gesellschaft rechnet mit Eigenleistungen der Mitglieder und zusätzlich 2,3 Millionen Euro für den Rückbau.

Die meisten Orte, an denen sich die künstlerische Moderne in Berlin abgespielt hat, sind heute unwiederbringlich verloren. Liebermanns Wannseevilla ist eine der ganz seltenen Ausnahmen, wie übrigens auch das ehemalige Atelierhaus von Georg Kolbe, das inzwischen ein Museum ist, eines der reizendsten, das Berlin zu bieten hat.

Max Liebermann hatte dieses letzte freie Wassergrundstück der Kolonie des Bankiers Alsen 1909 erworben. Er beauftragte den renommierten Villenarchitekten Paul Baumgarten mit dem Bau eines repräsentativen Sommerhauses für sich und seine Familie. Den Garten gestaltete der Maler nach eigenen Vorstellungen, wobei ihm Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, und Albert Brodersen zur Seite standen. Der Entwurf allein ist schon ein bemerkenswertes Dokument, ein Beispiel für den Reformwillen des frühen 20. Jahrhunderts. Der fortschrittliche Mensch baute sein Gemüse nun selbst an. Liebermann zog Kartoffeln und hatte auch ein kleines Kohlfeld.

Hält man sich all dies vor Augen, drängen sich viele Fragen auf, nicht zuletzt die, ob eine Vereinigung wie die private Max Liebermann-Gesellschaft mit der Trägerschaft eines solchen Ensembles nicht überfordert ist. Zumal im Verein unterschiedliche Ideen kursieren, welche Art der Bespielung dem Ort am ehesten gerecht werden könnte. Die eine Fraktion um den Vorsitzenden, den Musikverleger Rolf Budde, favorisiert das Unterhaltungsmodell: In der Villa soll neben einer Dauerausstellung zu Leben und Werk des Künstlers ein Café entstehen. Es sollen Lesungen und Konzerte stattfinden, auf dass die Besucher nur so strömen, was schon wegen der Einnahmen aus dem Kartenverkauf wichtig wäre, auf die die Liebermann-Gesellschaft angewiesen sein wird.

Der Avangardist als Reformlandwirt

Die andere Fraktion, der auch der Verfasser des Liebermann-Werkverzeichnisses Matthias Eberle angehört, will das Unterhaltungsmodell durch ernsthafte wissenschaftliche Arbeit ergänzen. Sie möchte in Liebermanns Wannsee-Villa ein Liebermann-Archiv einrichten, das einerseits selber nach Kräften Dokumente und Archivalien sammelt und andererseits, was noch entscheidender ist, imstande wäre, künftig Anfragen nach der Echtheit von Liebermann-Arbeiten auf dem Kunstmarkt kompetent zu beantworten. Eberle schwebt ein Liebermann-Zentrum vor, ähnlich wie es das bereits für Anders Zorn in Schweden oder für Claude Monet in Giverny gibt. Dies würde freilich die Einstellung eines wissenschaftlichen Mitarbeiters erfordern – eine Aufgabe, für die der private Verein nicht viel Unterstützung braucht, aber doch mehr, als er bisher erfahren hat.

Es wäre an der Zeit, dass sich auch die Berliner Universitäten, die Akademie der Künste (deren Präsident Max Liebermann war, bis er 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Amt entlassen wurde) und ebenso – warum eigentlich nicht – das Land Berlin selbst für das Liebermann-Haus engagieren.

Liebermann-Villa, Am Großen Wannsee 42, Eingang Colomierstraße 3. Ab dem 7. September ist die Ausstellung „Max Liebermann kommt nach Hause“ zu sehen, Fr 13-18.30, Sa u. So 11-18.30 Uhr.

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