Kultur : Hier lebt der Kakadu

„Abwesende Tiere“ und andere Skurrilitäten: Martin Kluger

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Von Gregor Dotzauer

Irgendwann, ganz zuletzt, würde vielleicht auch er einem auffallen. Man müsste zwar selbst Stammgast des Berliner Zoos sein, um ihn ebenfalls als Stammgast auszumachen. Doch so beharrlich Martin Kluger im Sommer die Caféterrasse frequentiert und im Winter eine Bank, so zielsicher er den Lachenden Hans, einen australischen Kuckuck, besucht und ihm mit gespitzten Lippen etwas zuzwitschert, worauf der mit einem Lachkrampf antwortet, der bei einem Menschen die sofortige Einweisung in eine geschlossene Anstalt zur Folge hätte: Irgendwann würde man sich fragen, wer dieser nicht mehr ganz junge Mann ist, der hier gut orientiert seiner Wege geht und geheimnisvolle Dinge in sein Notizbuch kritzelt.

Auf Anhieb würde einem eher eine der alten Damen ins Auge stechen, die mit verzweifelter Zärtlichkeit Koseworte durch Raubtiergitter schieben, jungen Tieren mütterlichen Zuspruch spenden und kranken die letzte Ölung. Sehr schnell würde man auch mit einem Pflegerfaktotum wie dem Kleinen Napoleon Bekanntschaft schließen, der sich seinen Spitzn als herumschnauzender Parktyrann erworben hat. Und früher oder später ließe sich wohl auch eine Begegnung mit einem Deckoffizier kaum vermeiden: So heißen im Zoojargon die Herren, die Ausschau nach kopulierenden Tieren halten und sich dabei selbst befriedigen. Soll man es nach alldem seltsam finden, wenn Martin Kluger erklärt: Ich bin Schriftsteller, und das hier ist mein zweites Büro? Jeder hat eben seine eigene Methode, das Hirn auszulüften? Auch von Samuel Beckett wird behauptet, es habe ihn, wenn er in Berlin war, gelegentlich in den Zoo gezogen. Aber selbst wenn das stimmt, hat es nicht zu Texten geführt, in denen sich das niedergeschlagen hat – geschweige denn zu einem mehr als tausendseitigen Roman.

„Abwesende Tiere“ (DuMont, 39 €) geht sogar noch weiter: Das Buch, entstanden in neunjähriger Arbeit aus einer Kurzgeschichte über das Verschwinden eines persischen Leoparden in den Zoo von Sydney, spielt fast ausschließlich im Berliner Zoo. Die keine Skurrilität scheuende Geschichte ist in einem vagen 70er-Jahre-Umfeld angesiedelt und reicht zurück bis ins Jahr 1936, das Jahr der Olympischen Spiele. Es geht um einen Zoodirektor, dem die Frau davongelaufen ist und der darüber halb verrückt wird. Um einen Professor für Schmerzforschung, der als sein Gegenspieler auftritt. Und um den Chef des Vogelhauses, der die Erinnerung an die Liebe zu einer litauischen Jüdin in den dreißiger Jahren nicht los wird.

Klingt alles schrecklich ausgedacht. Und tatsächlich hat Kluger es mit einer Fantasie in Szene gesetzt, vor der einem schwindeln kann. Zugleich aber ist es, ohne autobiografisch zu sein, viel näher an seinen persönlichen Erlebnissen, als man denkt. Denn die Liebe zum Zoo ist nicht denkbar ohne die Liebe zu einer Frau. Kluger, 1948 in Berlin geboren, traf sie zu einer Zeit, in der er Deutsch als Fremdsprache unterrichtete. Sie war damals eine Studentin aus Montevideo, und bald waren sie ein Paar. Andere spazieren durch den Grunewald, sagt Kluger, unser Terrain für die kleinen Fluchten war der Zoo. Dann aber kam es, spottet er, wie es für junge Paare so üblich ist, zur Trennung. Sie ging zurück nach Uruguay und machte dort Theater. Er blieb in Berlin und litt.

Der Titel „Abwesende Tiere“ bezieht sich also auch auf die Frau, der dieses Buch gewidmet ist: Maureen Herzfeld. Allerdings hat er sich, auf sie bezogen, inzwischen erledigt. Kluger und Herzfeld sind nicht nur wieder ein Paar, sie sind auch beruflich ein Team. Zusammen schreiben sie Drehbücher - unter anderem gerade einen „Tatort“, der im Leipziger Zoo spielt.

Das Schreibtalent (und ein Interesse für Film) hat er nicht zuletzt von seinem Vater geerbt. Karl-Walther Kluger war Feuilletonchef des Tagesspiegel bis 1951. Mit 42 Jahren, mitten im Urlaub, blieb sein Herz stehen. Der Sohn hat die Familientradition auf vielfältige Weise fortgesetzt. Er hat Malcolm Lowry und Iris Murdoch übersetzt, den Iren Aidan Higgins, seinen „Freund und Lehrer“, sowie den israelischen Erzähler Aharon Appelfeld. Er hat jahrelang Hörspiele und literarische Funkfeatures geschrieben. Er hat als Werbetexter gearbeitet, zusammen mit Heinz Sielmann ein Kinderbuch über den Berliner Zoo verfasst und mit dem ersten Kapitel von „Abwesende Tiere“ bei Jürgen Büscher, dem früheren Pressechef des Senator-Filmverleihs soviel Eindruck gemacht, dass der ihm das Drehbuch für Joseph Vilsmaiers Trümmerfrauendrama „Rama Dama“ anbot. Daraus entstand schließlich der Kontakt zum Fernsehen und zu dessen „Königsdisziplin“ (Kluger), eben dem „Tatort“.

Martin Kluger hat sich, wie er sagt, bei alldem immer als Schriftsteller gefühlt. Er hat vor vier Jahren bei Ullstein sogar schon einmal einen Roman veröffentlicht. „Die Verscheuchte“ erzählt die Geschichte einer Berliner Punkerin, die mit ihrem Vater, einem jüdischen Dichter, nach Auschwitz fährt, wo einst dessen zehnjährige Schwester umgekommen ist. Trotzdem besteht er darauf, dass „Abwesende Tiere“ sein erstes Buch sei. Daran, und dass sein Roman in einem der renommiertesten deutschen Literaturverlage erscheint, wird er sich messen lassen müssen. Aber für das seltsame Lottospiel, mit dem man ein Buch in den Markt hinweinwirft, sagt er, fühlt er sich bereit.

Seine unerschöpfliche Begeisterung für das Berliner Zooleben hat er – zu Ehren des Direktors, seines Freundes Hans Frädrich – in einem kleinen Beitrag für die Hauszeitschrift „Bongo“ unlängst so beschrieben: „Sprachlos vor den Tieren, geschieht es manchmal, dass ich eine Liebe empfinde, tiefer und umfassender als jede Menschenliebe: die Liebe zur Schöpfung, so wie es am Ersten Tag gewesen sein muss.“ Und das Gefühl der stillstehenden Zeit tut ein Übriges: „Gerade weil sie sich hier so ausgeprägt zyklisch darstellt. Geburt, Leben und Tod der Tiere, Kommen und Gehen der Menschen, der Kinder, der Typen, und wie das Wetter war: eine einzige ewige Wiederkehr.“

Es ist dabei nicht so, dass man in Martin Kluger nur einen Zoofreak finden würde. Mit ähnlichem Enthusiasmus schwärmt er von der erzählerischen Ökonomie, die William Friedkins „French Connection“-Thriller prägt. Oder er hadert mit den Qualitäten eines jungen Jazzpianisten wie Brad Mehldau gegenüber einem verstorbenen Gott wie Bill Evans. Als Hobby-Schlagzeuger, der Elvin Jones, den Drummer des klassischen Coltrane-Quartetts bewundert, hat er auch davon präzise Vorstellungen. Man muss nur damit rechnen, dass es trotz allem seine größte Freude wäre, wenn ihm am Ende eines langen Zootages einmal der Lieblingsaffe zuwinken würde, so wie einst der greisen Direktorin Katharina Heinroth. Das ganze Gerede von der Unmöglichkeit zwischenartlicher Kommunikation wäre mit einem Schlag erledigt. Morgen schon könnte es passieren. Also nichts wie wieder hin.

Martin Kluger stellt „Abwesende Tiere“ morgen um 19 Uhr im Tropenhaus des Berliner Zoos vor. Einlass ab 18.30 Uhr am Elefantentor. Der Eintritt ist frei.

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