Kultur : Hier spielt die Stadt

„Anstoß Berlin“: Das Haus am Waldsee zeigt zeitgenössische Berliner Kunst

Nicola Kuhn

Man kann es auch positiv sehen. Die Einschläge kommen näher, und irgendwann wird diese Ausstellung auch in den Berliner Institutionen an kommen, genauer: im Hamburger Bahnhof als dem erklärten Museum für Gegenwart. Im vergangenen Jahr machte die Kunstmesse Art Forum vor, wie das geht, die wichtigsten internationalen Künstler mit Wohnsitz Berlin zusammen zu holen und für fünf Tage zu präsentieren. Gegenwärtig zeigt das Phoenix Art Museum unter dem Titel „Constructing New Berlin“ mit 16 Positionen, welche Potenziale die Stadt besitzt (bis 24.9.). Der Münchner Prestel Verlag liefert dazu den reich bebilderten, englischsprachigen Katalog. Schon die Messen in New York und Miami hatten bewiesen: Kunst made in Berlin ist in Übersee hoch gefragt. Dort sind die Zeichen der Zeit längst erkannt, erzielt Spitzenpreise, was den Berliner Sammlungen zu ungleich günstigeren Konditionen entgangen ist.

Seit gestern brauchen die Kuratoren des Hamburger Bahnhofs nur bis nach Zehlendorf zu reisen, um sich anzuschauen, welche Maler, Bildhauer, Performer, Foto- und Videokünstler gleich nebenan leben und eine institutionelle Ausstellung erforderlich machen würden. Unter dem Titel „Anstoß Berlin. Kunst macht Welt“ präsentiert das Haus am Waldsee über 60 Künstler aus 22 Nationen. Und dabei ist es weder Museum noch finanziert durch eine Messegesellschaft oder den Durchsetzungswillen kommerzieller Galerien, sondern das bezirkliche Kunstamt von Steglitz-Zehlendorf.

Voilà, da ist sie schon, die Künstlerliste; die Museumsleute brauchen nur noch anzukreuzen, um die seit bald 15 Jahren notorisch geforderte Panoramaschau internationaler Berliner Künstler endlich zu planen, statt spanische, skandinavische, australische Überblicksausstellungen zu produzieren. Verkehrte Welt: Ausgerechnet in den hiesigen Institutionen blieb fast unbemerkt, dass sich Berlin zur führenden Kunstmetropole entwickelt hat. Inspiriert vom Flair der Stadt, der Spürbarkeit von Geschichte und angezogen von erschwinglichen Studioflächen und einer zunehmenden Galeriendichte haben sich Künstler aus aller Welt in Berlin niedergelassen. Seit Ende der neunziger Jahre strömen Hunderte hierher. Bislang wartet die Ergründung dieses Phänomens noch auf sich, die Gegenüberstellung mit London, New York, L. A. als Vergleichsbeispielen. Die bisherigen Ausstellungen, ob in Phoenix oder Zehlendorf, sind nur Summe divergierender Einzelpositionen. Die Beantwortung der Fragen, was die Künstler mit Berlin verbindet, welche Schlussfolgerungen daraus für die neu-alte Hauptstadt, aber auch für die Kunst zu ziehen sind, steht noch aus.

Auch Katja Blomberg, seit Februar 2005 Leiterin im Haus am Waldsee, streicht wie eine Katze um den heißen Brei. Eine These hat auch „Anstoß Berlin“ nicht, die Jubiläumsschau zum 60-jährigen Bestehen des Ausstellungshauses. Stattdessen gibt es Wort-Dribbling in Anlehnung an den Fußball-Jargon, dem die Schau auch ihren Titel verdankt: „Die Ausstellung will vorstellen, wer Berlin bewegt, und Auseinandersetzungen allen Ebenen anstoßen.“ Sie gleicht dadurch eher einem mit realen Objekten bebilderten Ausstellungsprogramm der nächsten Jahre, denn all diese Künstler werden künftig ausführlicher zu sehen sein.

„Anstoß Berlin“ ist ein Appetizer. Denn alle sind sie dabei, die in der Szene Rang und Namen haben: Olafur Eliasson, Tacita Dean, Anri Sala, Rikrit Tiravanija, Candice Breitz, Jonathan Monk, Tino Sehgal, Björn Melhus, Jonathan Meese und John Bock. Thomas Demand, Olaf Nicolai und Jeppe Hein waren schon andernorts verpflichtet. Allein bei zehn Künstlern waren die Ateliers ausverkauft, was der Schau im Haus am Waldsee Frische verleiht, denn so mussten neue Arbeiten produziert werden.

Nur zu gerne möchte man bei „Anstoß Berlin“ eine gemeinsame Perspektive finden. Doch das fällt schwer. Selbst Blomberg, die mit Sabine Bartelsheim die Auswahl traf, kann die Kriterien kaum formulieren: „Nicht laute Performance, sondern leise Zwischentöne. Alles, was die Sinne schult.“ Es ist die Stunde der Geschichtenerzähler, der humorvollen Versuchsanordnungen für den Alltag. Offensichtlich stiftet gerade die gebrochene Vergangenheit Berlins dazu an.

Via Lewandowsky verordnet sogleich im Entree die Doppelperspektive, leicht versetzt, mit Hilfe von zwei schief zusammen gebauten Gartenlauben neben dem Zufahrtsweg. Auch Markus Sixay darf man nicht trauen: Er ließ einen Teich ausheben, dessen schwarzes Wasser unheimliche Tiefe suggeriert. Der Besucher soll abwechselnd lachen und schaudern: Mit Tücke hat das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset eine Spendenbox vis-à-vis der Kasse installiert, die mehr Müll als Moneten enthält. Für die Kunst bleibt nur der letzte Dreck?

Ganz so schlimm kann es denn doch nicht sein, wenn im Anschluss daran fünf Dutzend Künstler ihre Arbeiten präsentieren. Das hat im Haus am Waldsee Tradition; die Einrichtung genießt gerade für ihre Überlebenskünste einen Ruf. Seit 1946 zählt die Villa mit Seezugang zu den ersten Häusern für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Schon kurz nach Einzug des Bezirksamts Zehlendorf wird hier das Werk von Käthe Kollwitz gezeigt, 1949 folgt Picasso, im Jahr darauf Henry Moore, dann Max Ernst. Hier erlebt das Publikum nach dem Krieg seine erste Begegnung mit der Moderne, geben die Berliner Philharmoniker ihr erstes Konzert.

Eine andere Stunde Null erlebt das Haus, als es 2004 vom Bezirk in die Selbständigkeit entlassen wird und seitdem bis 2009 nur zweieinhalb Stellen finanziert bekommt. Für Ausstellungen müssen die Mittel eingeworben werden. Was dazu zwingt, das Gute kostengünstig in der Nähe zu entdecken. In Berlin läßt es sich glücklicherweise nur wenige U-Bahn-Stationen entfernt in den Ateliers in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain finden. Vielleicht wird dies endlich auch von den großen Institutionen der Stadt bemerkt.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 17.9.; Mo-Do 10-18 Uhr, Fr-So 12-20 Uhr. Katalog erscheint im Juli. „Constructing New Berlin“, hrsg. von Brady Roberts (Prestel Verlag) 39,95 €.

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