Hieronymus Bosch-Ausstellung in Venedig : Gelehrte Gespräche über die Hölle

Hieronymus Bosch fand gerade im aufgeklärten Venedig Sammler und Nachahmer: Im Dogenpalast wird das geistige Umfeld um 1600 gezeigt.

Bosch als Vorbild. Von Jacob van Swanenburgh stammt das Gemälde „Der Schlund der Hölle und das Fährboot des Charon“ (Beginn des 17. Jhdt.).
Bosch als Vorbild. Von Jacob van Swanenburgh stammt das Gemälde „Der Schlund der Hölle und das Fährboot des Charon“ (Beginn des...Foto: Privatsammlung/Katalog

Hieronymus Bosch (um 1450–1516) stammt aus den Niederlanden, er lebte in vorreformatorischer, angespannter Zeit, seine gemalten Monster sind Metaphern für den Zustand der Welt – während im Süden, jenseits der Alpen, die Morgenröte der Renaissance leuchtete, eines rationalen, humanen Zeitalters. So hat man es jahrzehntelang gesehen – und sieht es womöglich noch heute so, da erst im vergangenen Jahr die Bosch-Jubiläumsschau zum 500. Todestag den Maler ganz in seine Heimat, in den Geburtsort s’Hertogenbosch, zurückgeholt hat.

Ganz falsch. Schon die beinahe zeitgleiche Retrospektive im Madrider Prado machte deutlich, dass Boschs Horrorvisionen gerade im südlichen Europa die größte Wertschätzung erfuhren. Mochte man allerdings das Spanien des düsteren Königs Philipp II. nicht eben als Hort humanistischer Geistigkeit verstehen, so ist jetzt endgültig Umdenken angesagt: Denn im Dogenpalast zu Venedig ist die ungemein gehaltvolle Ausstellung „Hieronymus Bosch und Venedig“ zu sehen, die einen neuen Zugang zum enigmatischen Werk des Niederländers eröffnet.

Und zwar nicht über eine neue oder nochmals elaboriertere Aufschlüsselung der Bildmotive. Sie werden uns so rätselhaft bleiben, wie sie vermutlich bereits den Zeitgenossen waren. Aber genau das war womöglich beabsichtigt. In Venedig werden nicht weniger als drei Hauptwerke des Meisters bewahrt, zwei Triptychen, also Dreiflügelbilder, und eine vierteilige Bildserie. Das ist enorm viel. Madrid kann mit den bekannteren Triptychen prunken, Lissabon besitzt ein weiteres. Aber der heute in der Accademia gehütete Schatz fällt insofern aus dem Rahmen, als er sich keiner herrscherlichen Sammeltätigkeit verdankt.

Die Bosch-Originale wirken ganz für sich

Die Madrider Ausstellung, zu der zwei der venezianischen Schätze ausgeliehen waren, gab den Anstoß zu umfangreicher Analyse und Restaurierung der Bilder, die nun den kurzen Weg von der Accademia in den Palazzo Ducale angetreten haben und dort in dunkel verkleideten Sälen ihre außerweltliche Leuchtkraft entfalten. Besonders die Viererserie mit Darstellungen zum Paradies und zur Hölle hat nichts Vergleichbares: Die Idee eines Lichttunnels auf einer der Tafeln, der ins weiße Nichts des Paradieses führt, ist so revolutionär, dass erst Turner sie drei Jahrhunderte später aufgreifen konnte.

Danach jedoch folgen sechs Ausstellungskapitel, die die Bosch-Rezeption ausgerechnet im geistig regen Venedig belegen. Sie reicht vom 16. Jahrhundert bis in die Mitte des folgenden Jahrhunderts, als Bosch nun schon als veraltet galt, aber neuerlich als interessant, ja geradezu Mode war bei den Kunstliebhabern der wohlhabenden Handelsstadt.

Die höchst durchdachte Ausstellung, besorgt von dem in Verona lehrenden Niederländer Bernard Aikema, lässt die Bosch-Originale ganz für sich wirken, ehe sie auf Kardinal Grimani zu sprechen kommt, einen jener gebildeten Kirchenmänner, an denen die Renaissance so reich war – und die zwar von ihren kirchlichen Pfründen ihr enormes Einkommen bezogen, ansonsten sich aber als gleichrangige Gesprächspartner an den discorsi der Bildungselite beteiligten. Grimani hatte wohl über einen niederländischen Tausendsassa, den in Venedig vom Händler zum Verleger und Druckereibesitzer aufgestiegenen Flamen Daniel van Bomberghen, von Bosch erfahren und von ihm die Gemälde vermittelt bekommen, die den heutigen Akademiebesitz ausmachen. Genau weiß man es nicht, es ist eine, wenn auch begründete Hypothese.

In Venedig fanden von Bosch inspirierte Werke guten Absatz

Grimani besaß eine exquisite Sammlung; nur kennen wir die genauen Bestände nicht. Sie wurden bald nach dem Tod des Sammlers verstreut und gelangten, wie die Boschs, in irgendwelche Keller. Im Dogenpalast zu sehen ist eine atemberaubend schöne Handschrift mit nicht weniger als 98, teils ganzseitigen Miniaturen, ein Spitzenwerk der flämischen Buchmalerei bereits vergangener Zeiten. In der Vitrine gegenüber liegt eine hebräisch abgefasste Bibelkonkordanz, gedruckt in Venedig bei dem erwähnten van Bomberghen als Spezialisten für hebräische Schriften im Jahr 1532. Man staunt, was für Gelehrsamkeit auf dem engen und übervölkerten Raum der Lagunenstadt versammelt war.

In Venedig fanden die von Bosch inspirierten Werke guten Absatz. Durch die Druckgrafik verbreiteten sich Motive der Höllenbilder Boschs überallhin. Zugleich waren Nachfolger und Nachahmer tätig. Aber es gibt auch höchst eigenständige Bildschöpfer, die freilich weit ins 17. Jahrhundert hineinführen. Etwa Roelant Savary, der seit 1604 als Hofmaler für den melancholischen, abergläubischen Habsburg-Kaiser Rudolf II. in Prag tätig war, oder den in Utrecht tätigen Altersgenossen Jacob van Swanenburgh, von dem eine anspruchsvolle, szenenreiche Komposition zu sehen ist, „Der Schlund der Hölle mit dem Fährboot des Charon“.

Eine konzentrierte, Augen öffnende Ausstellung

In ihrem abschließenden Saal zeigt die Ausstellung Entdeckungen aus einer jetzigen venezianischen Privatsammlung: ein Bilderpaar von Joseph Heintz d. J., der 1600 in Augsburg geboren, aber bereits als junger Mann in Rom und Venedig heimisch wurde und in der Lagunenstadt 1678 starb. Er malte um 1640/50 „Alchemie“ und „Elixier der Jugend“, zwei Kompositionen, die die geheimwissenschaftliche Beschäftigung zum Thema haben. Bei Heintz sind die Bosch-Monster in den Hintergrund gedrängt, sie begleiten nur mehr die bildbeherrschenden Allegorien, unter denen die des Alters auch für heutige Augen höchst verständlich ist.

Insgesamt also eine konzentrierte, eine Augen öffnende Ausstellung. Es ist ein Segen, dass sie den Jubiläumsveranstaltungen den Vortritt ließ und sich kein weiteres Mal am Rätsel Bosch abarbeiten muss. Stattdessen kann sie zeigen, wie das Werk eines so außergewöhnlichen Malers statt zum Ausdruck religiöser Furcht zum Gegenstand gelehrten Sammeleifers in einer Stadt werden konnte, die über lange Zeiten alles aufnahm und produktiv verarbeitete, was in der unruhigen Welt draußen erdacht wurde.

Venedig, Dogenpalast, bis 4. Juni. Katalog bei Marsilio, 30 €. – Mehr unter http://palazzoducale.visitmuve.it/

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