Kultur : High Noon

Bodo Mrozek

hört Balladen aus dem Westen Eines der erstaunlichsten Revivals feiert derzeit die Countrymusik. In dem Film „Almost Heaven“ singt Heike Makatsch John-Denver-Songs, bei Wim Wenders trägt man Cowboyhüte und der Comedystar Oli Dittrich übt sich in Berlin in Kuhhirtengesängen. Wann die Mode angefangen hat, ist schwer zu sagen. Madonna trug vor Jahren einen Stetson, in Berlin aber entwickelte sich die Cowboyszene eher im Untergrund.

Stilbildend war ein selbsterklärter Cowboy Club, der in einer alten Kugellagermanufaktur neben dem Pfefferberg residierte, aber wenig Wert auf Publicity legte: Eintritt nur für Mitglieder. Dieses Prinzip galt auch traditionell im White Trash Fast Food, der „Billigküche für Rockheimer“ an der Torstraße. Seit Juli war die Erlebnisgastronomie obdachlos, nun hat sie ein neues Domizil im wilden Friedrichshain gefunden. Direkt neben der Bar 25 an der Holzmarktstraße 25 entstand eine stilechte Westernstadt mit Saloon und imitierter Kirche, DJs verkaufen Schallplatten, Irokesen bieten selbstgemachte Amulette.

Auf einer kleinen Bühne covern Countrybands wie die Cry Babies Hillbilly-Klassiker, sogar der aus Lucky-Luke-Comics bekannte Sargtischler wurde nicht vergessen: In einer Ecke spielt ein betagter Orgelspieler Requiems. Jeden Freitag legt DJ Lobotommi Balladen aus dem Mittelwesten auf. Weil Großstadtcowboys nach ihren langen Ritten durch die Berliner Weidegründe spät aufstehen, öffnet der Flohmarkt erst nachmittags und schließt erst um Mitternacht. Es braucht nicht viele Whiskeys, um sich wie in einem Western zu fühlen. Ab und zu tuckert der Blue Train der Eisenbahn vorbei. Er fährt nach Westen, wo das Land weit und tief ist. Nach Braunschweig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben