Kultur : Highlights in der Rumpelkammer

Elke Windisch

Die Sonne hat helle Schneisen in die schweren, purpurnen Damastportieren geschlagen, die roten Läufer sind abgetreten; miserable Bezahlung hat die Reihen des Aufsichtspersonals empfindlich gelichtet, das Durchschnittsalter der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist etwa identisch mit dem der Warn- und Sicherungsanlagen, die europäischen Museen um Jahrzehnte hinterherhinken: Die Eremitage in St.Petersburg, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird, kämpft, wie die meisten russischen Kultureinrichtungen, mit chronischer Unterfinanzierung.

In der Jelzin-Ära überwies der Staat mit konstanter Bosheit jährlich nur um die dreißig Prozent der im Haushalt geplanten Mittel an das Kulturministerium. Und weil Theater oder Museen wie Wodkafabriken behandelt wurden, mussten sie auf die ohnehin knappen Einnahmen 75 Prozent als Gewinnsteuer nach Moskau abführen. Mehrfach erwog die Leitung des Hauses daher bereits die zeitweilige Schließung der Sammlungen.

Entlastung erhoffen sich die Mitarbeiter vom Touristenboom anlässlich der Feierlichkeiten zum 300. Stadtjubiläum im nächsten Jahr. 1703 ließ Peter der Große 900 km nördlich von Moskau am Finnischen Meerbusen, damals der einzige Zugang Russlands zum Meer, eine neue Hauptstadt bauen. Mit einer Kunstkammer, dem Grundstock für die spätere "Einsiedelei", wie Eremitage wörtlich übersetzt heißt, die von den Nachfolgern des Reformzaren zielstrebig erweitert und am 5. Februar 1852 von Zar Nikolaus I. zur öffentlichen Besichtigung freigegeben wurde.

Heute ist sie mit rund 2,7 Millionen Objekten das weltweit größte Museum. Viele Säle sind so vollgestopft wie mancherorts die gute Stube. Wegen Platzmangel ist ohnehin nur ein Bruchteil der Schätze ausgestellt. In den Magazinen im Keller, auf dem Boden und in den Fräuleinzimmern der Zarenzeit im zweiten Stock stauben daher Kunstschätze dahin, die andere Museen als Highlights präsentieren würden. Darunter höchst umstrittener Besitz: Wandmalereien und eherne Krieger aus der Kuschan-Zeit, einer bisher so gut wie unerforschten Kultur, die Zentralasien in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. prägte. Sowjetarchäologen gruben sie 1940 bei der Großen Choresmien-Expedition aus. Toprak kale, die irdene Festung, wo sie gefunden wurden, gehört heute zu Usbekistan, das seit Jahren auf Rückgabe drängt. Bisher vergeblich.

Auch von dem, was in Deutschland unter Beutekunst rangiert und in Russland als Kriegstrophäen gehandelt wird, lagert jede Menge in den Depots der Eremitage: 850 Gemälde - vor allem Impressionisten und Postimpressionisten - aus der Nationalgalerie, der Dresdner Galerie, dem Märkischen Museum, aus den Schlössern rund um Berlin, den Privatsammlungen Gerstenberg, Krebs und Koehler. Teilweise noch nicht einmal katalogisiert. Dazu kommen mehr als 6 000 Objekte aus der Ostasiatischen Sammlung des Museums für Völkerkunde sowie rund 12 000 archäologische Fundstücke, von denen ein Großteil aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin stammt.

Hinzu kommen 111 Kirchenfenster aus der Marienkirche in Frankfurt/Oder, an denen stellenweise das Blei bröckelt. 1943 wurden sie aus Furcht vor Bombenangriffen nach Potsdam ins Neue Palais ausgelagert. Dort entdeckten sie sowjetische Offiziere. Im August 1946 kamen sie in eigens angefertigte Schränke der Eremitage. Die zwischen 1350 und 1380 gefertigten Chorfenster, die zu den bedeutendsten Werken deutscher Glasmalerei zählen, gehören zu den wenigen Stücken, deren Rückgabe als beschlossene Sache gilt.

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