Kultur : Highway zur Hölle

Alles oder Nichts: Die Berliner Rockband Surrogat ist zum Erfolg verdammt

Sassan Niasseri

„Die Songs sind einfach geil, geil, geil“. Ein Griff in die Saiten der Luftgitarre, die Arme wirbeln durch den Raum eines Kreuzberger Cafés: „Noch in zehn Jahren gilt mein Wort: Wir haben eine Platte mit zeitlos geiler Rockmusik produziert“. Patrick Wagner, 32, Musiker und Ex-Label-Chef, spricht über das neue Album seiner Band Surrogat. In einem ruhigeren Moment sagt er: „Einmal habe ich während der Aufnahmen bemerkt, dass ich beim Singen sabbere. Ich war voll auf Strom“. Wischt sich das Kinn und guckt auf seine Finger. „Ich denke, das hört man mir auch an“. Wagner, das ist einer, der Mitteilungen mit dem Zusatz „g.a.g.“ unterschreibt – „größer als Gott“.

Der Größenwahn geht in die nächste Runde. Mit „Hell in Hell“ (Motor/Universal) erscheint nun wieder ein Surrogat-Album. Die Erwartungen daran sind nicht eben kleiner geworden, seit das Vorgänger-Werk „Rock“ die hoffnungslos unmodische Band vor drei Jahren aus der Berliner Kneipenszene direkt in die bunte Pop-Welt von MTV und VIVA katapultierte. Erst wollte der Branchenriese „Motor Music“ das auf dem Kleinlabel „Kitty-Yo“ veröffentlichte Album vertreiben. Dann wurde das Trio mit Lobeshymnen bedacht wie seit Tocotronic keine deutsche Band mehr. Geradezu einträchtig ernannten die Feuilletons Surrogat zu Botschaftern der Hauptstadt-Jugend: Mit ihrer Berlin-Emphase schien die Band das seltene Gefühl zu vermitteln, zur richtigen Zeit am absolut richtigen Ort zu sein: „Berlin liebt Dich“, „Seid ihr mit mir“ – Identifikationsofferten für den place to be. Das Kampfgeschrei ihrer Single „Gib mir alles“ war der dazugehörige Protest: Ein ätzendes Gespeie alternativer Turnschuhträger gegen ein Berlin als Wirtschaftsstandort von Großkonzernen. Und die unbequeme Energie von „Rock“ hält bis heute an.

Wie kann es nach diesem geglückten Versuch, eine hoch budgetierte Musik-Revolte nicht lächerlich aussehen zu lassen, noch weitergehen? Wiederholen kann man das nicht. Der Erfolg von „Hell in Hell“ entscheidet über die Zukunft von Surrogat. „So ein Album hat zuvor noch keine deutsche Band gemacht“, sagt Bandbassist Tilo Schierz-Crusius. Das stimmt: Mit „Hell in Hell“ – eine Hommage an AC/DC’s „Highway to Hell“ – haben Surrogat sich ein Musikgenre zur Brust genommen, das seit einer ganzen Weile ziemlich uncool ist – Hardrock. „Wer denkt, ist schon draußen“, erläutert Wagner die Kursrichtung.

Und es ist ein lustiges Album. „Hells Bells“-Glocken versetzen die Band in die karnevaleske Atmosphäre des Satanisten-Metals („S.O.S“), Halleffekte lassen Wagners Gesangsstimme wie den Ruf eines Dämons klingen, ein anderes Mal schmachtet ein Frauenchor zum Mitsingen langsam das Mantra: „Du bist ein Superstar, Du machst Träume wahr“ („Gott AG“). Als wäre das nicht prollig genug, suchen Surrogat in ihrem neuen Videoclip auch noch die Nähe zu dem Prügelknaben und Ex-Boxer René Weller. Der lässt sich darin unentwegt ins Gesicht schlagen. Doch Wellers Leitspruch, „Wir sind immer oben, und wenn wir unten sind, ist unten oben“, hat auf Wagner offenbar mächtig Eindruck gemacht.

„Hell in Hell“ ist weicher, aber das Gespür für Power-Hymnen ist untrüglich da. Aber kann man solch ein mit Rock-Metaphern überladenes Album, das häufig in die Zweideutigkeit flüchtet, ernst nehmen? Das Album bäumt sich mit so viel Gitarrenvolumen auf, dass die Songtexte beinahe überflüssig sind. Wagner schwört, dass keine Note, kein Wort ironisch gemeint ist, wenn er über „Kapital und Verschwendung“ singt oder über „Der Staat scheißt auf uns, ich nehm ihn in den Mund“. Das seien „Fucking Hits“ mit Statements und „möglicherweise acht Single-Auskopplungen“.

Wagner weiß, dass er ungestraft Angeber sein kann. In Berlin genießt er kreative Narrenfreiheit. Als ehemaliger Mit-Betreiber des Independent-Labels „Kitty-Yo“ hat er maßgeblichen Anteil, Berlin als innovative Musikstadt zu etablieren: Der Elektro-Comedian Gonzales, der Pop-Romantiker Maximilian Hecker oder die Geräuschkünstler Rechenzentrum, kurzum: die interessantesten Musiker Berlins stehen bei „Kitty-Yo“ unter Vertrag.

Irgendwann, erzählt Wagner, wurde die Mehrfachbelastung zu viel, als Musiker, Manager und Promoter auch in eigener Sache für Surrogat tätig zu sein. Wagner wollte als Musiker damals schon die breite Masse erreichen – das Budget von „Kitty Yo“ war dafür zu gering. Vor zwei Jahren hängte er den Job des Geschäftsmanns an den Nagel und wechselte mit der Band zur Universal-Tochter Motor Music. Eine Befreiung: „Jetzt habe ich beim Musikmachen keine Marketingpläne mehr im Kopf“.

Tatsächlich aber, lässt Wagner durchschimmern, hat er Kitty-Yo auch aus Unzufriedenheit über die zunehmend auf den internationalen Markt ausgerichtete Firmenpolitik seines Ex-Labels verlassen. Es muss mächtig gekracht haben. Sein Verhältnis zum Kitty-Yo-Gründer und Ex-Partner Raik Hölzel beschreibt er als „nicht gut“, detailierter dürfe er darüber „nur mit meinem Anwalt sprechen“. Dann sagt er aber doch einen Satz: „Kitty-Yo veröffentlicht ein Album von Jimi Tenor!“ Sagt das nicht alles? Es stört Wagner offenbar, dass Kitty-Yo mit dem finnischen Pop-Exoten und Easy-Listening-Star einen Künstler unter Vertrag genommen hat, den man selbst nicht mehr aufbauen muss. Das Firmenideal, sich vorrangig unentdeckten Talenten zu widmen, sei damit verraten.

Wagners Ausstieg sorgte für erheblichen Wirbel. Ein Punk, der sich einer Großkarriere zuliebe mit einem Großkonzern verbündet? Er wehrt ab: „Es geht nicht ums Geld. Als ehemaliger Kitty-Yo-Mann genieße ich in Berlin keine Privilegien. Wenn wir jetzt nicht annähernd so viele Alben verkaufen wie früher, stehen Surrogat wieder auf der Straße“.

Vorher will Wagner sich jedoch einmal den vollen Luxus gönnen: Ein Konzert bei der „Deutschen Touren Meisterschaft“, danach ein Live-Auftritt im Vorprogramm der „Toten Hosen“. Nicht zu vergessen die acht Single-Auskopplungen. Mindestens.

Der Größer-als-Gott- Wagner drischt wieder auf seine imaginäre Gitarre ein. Dann beugt er sich nach vorn: „Hey, Rock`n`Roll ist doch nur ein Fake!“. Und fängt an zu singen. Ohne zu sabbern.

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