Kultur : "Hiiiier kohommt - Henry Maske!"

HELLMUTH KARASEK

In Brechts "Arturo Ui", nimmt Ui, also Hitler, in den Jahren seiner Ausbildung zum Diktator Schauspielunterricht bei einem alten Mimen, um sich zu dem Schmierendarsteller bilden zu lassen, den er dann, zu Propagandazwecken, vor den ihm zugrölenden Massen gab.Brecht hielt es noch für bemerkens- und zeigenswert, daß Politiker "spielen", schauspielern, daß sie in eine Rolle schlüpfen, in einer "Show" auftreten, wenn sie ihre Politik an den Mann und an die Frau zu bringen trachten; wenn sie sich und ihre Programme zu verkaufen suchen, wie wir heute sagen.

Bei Brecht war das politische Theater, die propagandistische Schauspielerei noch Sache des übelsten Schurken auf der politischen Bühne.Und warum Hitler so gut spielte, das wiederum hat uns Chaplin in seinem "Großen Diktator" nahegebracht und für die Nachwelt festgehalten.Er zeigt einen Hitler, der mit seinen konvulsivischen rhetorischen Zuckungen und Begeiferungen die Masse förmlich "begattet" (so hat es Hitler, jeder psychologischen Auslegung zugänglich, in "Mein Kampf" beschrieben) und sich dabei sexuell verausgabt: der Rhetor als Mann, die Masse als Weib.Chaplin zeigt das genial, indem er seinen Führer Hinkel, in einer Rede-Pause, während die Menge frenetisch jubelt, erst einen Schluck Wasser trinken läßt und sich dann einen zweiten Schluck vorne hinter das Koppel in die Hose gießt, um sich auch dort nach der Erregung Abkühlung zu verschaffen.

Show und Massenorgie waren Hitlers Wahlveranstaltungen auf dem Weg zur Macht, und Wagner und Speer (bombastische Musik, gewaltige Lichtdome, Einmarsch durch die militärisch gegliederte Menge) waren die Regisseure.Im übrigen hat Hitler, als er "gewählt" war, also die Menge nicht mehr zu erobern brauchte (er hatte sie ja jetzt als Diktator am Schlafittchen), in seiner Redelust spürbar nachgelassen, um dann im Krieg, als öffentlicher Redner ganz zu verstummen; die Einpeitschung zum "totalen Krieg" im Berliner Sportpalast hat er seinem Goebbels überlassen.Der durfte ihm, als es mit dem Krieg bergab ging, "die Schau stehlen".Hitler wußte wohl genau, da war nichts mehr zu holen, nichts mehr zu gewinnen.

Erinnert man sich an die traurigen, ja kärglichen rhetorischen Leistungen, wie sie dessen Spitzenpolitiker und Politbüromitglieder von Stalin bis Honecker während des real existierenden Sozialismus zuwege gebracht haben, dann wird sofort einsehbar: Wahlen konnten die nicht gewinnen, die waren mit 99 Prozent vorgegeben und vorgefälscht worden.Die Show-Form des Kommunismus war der endlose Vorbeimarsch an den Tribünen, auf denen die schier zu Stein Erstarrten standen, die Hand leutselig erhoben, während ihnen die Menge mit Fahnen und Transparenten huldigen mußte.

Nur wo es um Sachen ging, die vorher nicht minutiös in den Greisenkabinetten der Politüros festgelegt werden konnten, erwachte der rhetorische Dampf, traten die Show und ihre Effekte zutage: Chrutschow in seiner Anti-Stalin-Rede, derselbe vor der UN, als trauriger Clown mit seinem Schuh auf den Tisch trommelnd; Gorbatschow, der den Sozialismus, um ihn in anderer Form zu retten, buchstäblich zu Grabe redete.Und es ist ja auch kein Wunder, daß die PDS - hier als demokratische Nachfolgerin der SED gesehen - erst, als sie wieder Wähler gewinnen konnte und mußte, ihren ersten Redner und witzigen Entertainer hervorbrachte: Gregor Gysi.Vorher, in der sozialistischen Steinzeit, hatten sie ihn, hatten sie sowas nicht nötig, und Gysis erste große Schau war der Umwandlungsparteitag, wo aus der SED die PDS wurde.

Auf den Spuren des Großen Diktators und großen Inszenators Hitler, zu viel redlicheren Zwecken und mit allemal viel besseren Absichten, versteht sich, haben auch Deutschlands Nachkriegspolitiker ihre politischen Veranstaltungen als gewaltige Wortoper und One-Man-Show inszeniert.Zur Inszenierung gehört, daß man die Menge auf den Haupt-Star lange warten lassen muß; ihr muß eingeheizt, sie muß aufgeheizt werden, da geht es im Prinzip, und hier mischen sich alte und neue Zeit, nicht anders als bei den Konzerten von Rock- und Pop-Stars zu.Dann werden - Einzug der Gladiatoren, "Hiiiier kohommt - Henry Maske!" - wirksame Märsche gespielt, Erkennungszeichen, musikalische Symbole des Helden, der da kommt, die Menge zu befreien, ihr endlich die Wahrheit zu sagen, die darin besteht, daß das Heil aller nur darin zu finden ist, daß alle ihn wählen.Franz Josef Strauß, der Unvergessene, war - ob bei seinen Aschermittwochsreden, ob bei den Wahlkampfzeiten, als er selbst Kanzler werden wollte und als südliche Barocknatur am spröden deutschen Norden scheiterte - seine Auftritte waren auch die eines Führers und Volkstribunen.Das hat ihm die Linke trotz seiner konstruktiven Ziele, die ihn himmelweit von der zerstörerischen Destruktivität eines Hitler unterschieden, eigentlich nie verziehen.Insofern wurde er wirklich zu so etwas wie einem Buhmann der Nation gemacht.(Daß Stoiber den gleichen Effekt erzeugt wie FJS und dabei ein meist besonnener, nüchterner Technokrat und Bürokrat bleiben kann, läßt einen fast hoffen, daß es in der politischen Kultur doch so etwas wie einen Fortschritt geben kann.)

In der berühmten Wahlschlacht zwischen dem "republikanischen" Nixon und dem "Demokraten" Kennedy (die Anführungszeichen bedeuten hier nicht etwa "sogenannt", sondern machen auf Parteinamen aufmerksam), gab es einen (inzwischen in vielen Ländern, von vielen Politikern oft kopiertes, oft verweigertes) TV-Duell zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten.Die Wahl zwischen den beiden, dem mittlerweile trotz seiner Affären zur Lichtgestalt verklärten John F.und dem immer noch als Dunkelmann ("Tricky Dicky") empfundenen Nixon, stand auf Spitz und Knopf.Und Kennedy soll, so will es die Legende, gewonnen haben, wenn auch nur mit einer hauchdünnen Mehrheit, weil bei der abendlich ausgestrahlten Sendung Nixons dunklerer, schneller nachgewachsener Bart dem nicht gut rasiert Aussehenden eine zweifelhafte, ja schmierig-windige Ausstrahlung verlieh.Während Kennedy frisch, blond, gut rasiert aussah: Camelot, der neue Ritter; sein "Hof" in Washington sollte zur neuen, TV-gerechten Tafelrunde von König Artus werden.

Das will heißen: Seit jener Zeit - wir sind schließlich im Fernsehzeitalter - bestimmt nicht mehr die große (Wagner)Oper, sondern die kleine (TV)Seifenoper den Stil der politischen Schau.Nicht mehr beim Händeschütteln auf den Marktplätzen, sondern im Fernsehprogramm der Talkshows, Interviews, Homestories muß sich das Pogramm der Kandidaten bewähren.Abgesehen von den Groß-Inszenierungen der Parteitage, die wie eine Kopie, wie ein Abklatsch der großen Samstagabend-Shows von Kulenkampff bis Gottschalk wirken (nur eine Prise "großer Oper" ist ihnen noch beigemengt), ist Politik heute wirklich ein kuscheliges Family-Programm: Bei uns geht es zu, sagen die Politiker, wie bei Nachbars auch, bei denen es aber wiederum zugeht wie in einer endlos biederen Familienserie.

Politiker, die dabei so "gut kommen", im Fernsehen gut kommen wie Schröder, dürfen sich glücklich schätzen.(Wirklich? Bald wissen wir mehr).Aber auch Kohl, der ewige, der unvermeidliche (?), hat einen Vorteil: den des Pantoffelkinos, sein gemütliches Strickjacken-Image, dem jedes Pathos, jeder Hauch von Verruchtheit fremd sind.(Auch da wissen wir heute abend mehr).

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