Hilfe für Flüchtlinge : Abib und die anderen

Wenn das soziale Netz fehlt: Der Sammelband „Räume, die Halt geben“ über psychoanalytische Frühprävention mit Migrantinnen und ihren Kleinkindern.

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Eine syrische Mutter mit ihrem Baby bei ihrer Ankunft in Deutschland.
Eine syrische Mutter mit ihrem Baby bei ihrer Ankunft in Deutschland.Foto: epd

Abib ist vier. Im Kindergarten spricht er kein Wort Deutsch. Abibs Mutter, aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, lebt zurückgezogen in einer kleinen Wohnung, depressiv, isoliert. In Sorge um Abib ermuntert das Personal des Kindergartens die Mutter, hin und wieder als Gast am aushäusigen Alltag des Sohnes teilzunehmen. Als das gelingt, findet Abib fast über Nacht zur Sprache. Er spricht Deutsch, er versteht! Ein Wunder, und doch keins. Die Sprache war schon da, wie eine Knospe, die sich nicht öffnen konnte. Jetzt blüht sie auf.

Es scheint, als habe die Anwesenheit der Mutter dem Sohn die Erlaubnis gegeben, ebenso anwesend zu sein und zu kommunizieren: Wenn es der Mutter hier gefällt, dann darf es mir hier auch gefallen. So deuten sie das Wunder, die Expertinnen des Modellprojekts „Erste Schritte“, vorgestellt in dem hoch aktuellen Sammelband „Räume, die Halt geben“, herausgegeben von Claudia Burkhardt-Mußmann. Die Beiträge berichten, wie der Untertitel besagt, über „Psychoanalytische Frühprävention mit Migrantinnen und ihren Kleinkindern“ (Mit einem Vorwort von Marianne Leuzinger-Bohleber, Verlag Brandes & Apsel, Sept. 2015, 208 Seiten, 19,90 €).

Was sich kompliziert anhört, ist im Grunde klar und einfach. Die Initiatoren des 2007 konzipierten, erfolgreichen Projekts wollten Abhilfe schaffen, wo eine Lücke in der Integrationsarbeit klafft: in den ersten drei Lebensjahren der Kinder zugewanderter Mütter. Für diese Mütter ist oft schlicht alles fremd und neu. Ehe, Schwangerschaft, das Land, in dem sie angekommen sind und dessen Sprache. Entfremdung breitet sich aus neben den Folgen der oft ohnehin traumatischen Flucht. Es fehlen die weiblichen Verwandten, die bei der Sorge um das Neugeborene Rat geben könnten. Es fehlt ein soziales Netz, Orientierungslosigkeit überfordert Schwangere und junge Mütter. Ohne Wollen und Wissen übertragen sie ihre Ängste auf das Kind, mit schwer wiegenden Folgen für die Kleinkinder, deren Familien und nicht zuletzt für Gesundheitssystem und Gesellschaft.

„In Deutschland lebende Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen, psychosomatische Leiden oder andere psychische Störungen“, warnte das Deutsche Ärzteblatt im Dezember 2013. Viel zu spät kommen Familien zu Beratungsstellen, „was nicht nur das seelische Leiden der Patienten verschlimmert, sondern auch die Behandlung schwieriger werden lässt.“

Viele Mütter überwinden in der Gruppe ihre Unsicherheit

Die „Räume, die Halt geben“, von denen hier die Rede ist, sind psychoanalytisch geleitete, wöchentliche Gruppen für junge Mütter, in denen sie voneinander lernen, während die qualifizierten Leiterinnen der Gruppen teils symbolisch die Rollen der abwesenden Mütter oder Großmütter übernehmen, mitunter auch die des abwesenden Vaters. Es geht um die „Rolle des Dritten“, die das verhakte, vereinsamte Mutter-Kind-Duo so dringend braucht, als soziale Stütze wie als Regulativ. Viele Mütter überwinden in der Gruppe ihre Unsicherheit. Sie erfassen den Sinn, der darin liegt, Kindern Freiraum für Spiel zu lassen, die Bedeutung der Kommunikation mit Babys, der Bindung für die kindliche Entwicklung. „Erste Schritte“, entwickelt in Kooperation mit dem Sigmund-Freud-Institut Frankfurt, haben auch in anderen Städten Echo gefunden. (Programm hier).

Zentrale Frage ist dabei immer wieder die Erreichbarkeit der Eltern. Angesprochen werden die Mütter in den Sprachschulen der Integrationskurse, manche auch auf Entbindungsstationen. Sind sie motiviert, bestehen dennoch zahllose Unwägbarkeiten. Gestattet der Ehemann die Teilnahme? Überwindet die junge Frau ihre Scheu, über die wichtigsten Probleme zu sprechen? Bleiben die Teilnehmerinnen dabei? Hilfreich wirken Erinnerungsanrufe vor den Sitzungen, Hausbesuche und gemeinsame Rituale der Gruppe, etwa Begrüßungslieder und Mahlzeiten.

Nicht nur, wer mit migrantischen Familien und Flüchtlingsfamilien arbeitet, findet in diesem Band Inspiration, sondern jeder, der sich mit dem gesellschaftlichen Thema auseinandersetzt. Integration? Sie beginnt hier, hier zuallererst, in jedem Sinn.

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