Kultur : Hilfe, mein Boss ist eine Frau

Alle zittern vor Meryl Streep: David Frankels Modefarce „Der Teufel trägt Prada“

Christiane Peitz

Chef-Filme („Der Untergang“, „Alexander“) sind out, jetzt kommen die Chefinnen-Filme. Meryl Streep ist ab heute als furchteinflößende Modepäpstin auf der Leinwand zu sehen, demnächst folgen Gwyneth Paltrow als Frankreichs Königin Marie Antoinette und Helen Mirren als „The Queen“ Elizabeth höchstpersönlich. 2007 steht Franka Potente in der Titelrolle für Volker Schlöndorffs „Päpstin“ vor der Kamera, und Meryl Streep gibt sich in „First Man“ als Präsidentin der Vereinigten Staaten die Ehre.

Wenn es stimmt, dass das HollywoodKino die kollektiven Sehnsüchte der Zuschauer spiegelt, kann Eva Herman einpacken. Im Moment widmet sich der Mainstream weniger der traditionellen Rollenverteilung, weniger den Frauen, die sich durchboxen müssen wie in Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“, und schon gar nicht den Heimchen am Herd, sondern den Täterinnen der erfolgreichen Art. Denen, die in der Hierarchie ganz oben stehen oder mit knallhartem Ehrgeiz nach der Spitzenposition streben.

Der Merkel-Effekt? Nein, eher das überfällige Leinwand-Echo auf populäre TV-Serien wie „Sex and the City“. Im Kino waren sie seit Filmen wie „Die Waffen der Frauen“ in den späten Achtzigern lange nicht mehr zu sehen: glamouröse, verehrungswürdige Heldinnen, die vor allem das eine wollen: die Senkrechtkarriere. Und die es auch können: weil sie cooler sind, tyrannischer, stressresistenter. Und die bessere Figur machen sie sowieso, mit oder ohne High Heels. Dress for success: Die Kleider in „Der Teufel trägt Prada“ sind Gucci, Chanel, Valentino oder Dolce e Gabbana nachempfunden, bei jedem Auftritt etwas anderes schillernd Elegantes oder verwegen Schrilles.

Der Teufel trägt also Prada; bislang war nur bekannt, dass der amtierende Papst es tut. Regie führte „Sex and the City“-Regisseur David Frankel, die Serienausstatterin Patricia Field gestaltete die Kostüme, und das Drehbuch entstand nach Lauren Weisbergers gleichnamigem Bestseller, in dem die Autorin ihre Erfahrungen als Assistentin der berühmt-berüchtigten „Vogue“-Chefin Anna Wintour verarbeitete. Im Film heißt die Chefin Miranda Priestly und macht als Hohepriesterin des New Yorker Modemagazins „Runway“ Furore. Die Fashionwelt zittert vor ihr, und so ätzend-vornehm, wie Meryl Streep sie verkörpert, zittert das Kinopublikum nur zu gerne mit. Eine eiskühle Generalin und unnahbare Souveränin; wenn sie nur die Braue hebt oder den Mundwinkel verzieht, versinken Weltreiche, sind Karrieren gemacht oder beendet.

Ebenso zittern Priestlys Assistentinnen, wenn sie morgens ins Büro segelt, ihren Haute-Couture-Mantel samt superteurer Handtasche auf den Schreibtisch knallt und Aufgaben verteilt. Star-Designer ans Telefon holen, im Turbotempo mit Musterbüchern durch Manhattan hetzen, Termine zwischen Mailand, Paris, London und den Staaten koordinieren, Faxe, Mails, den Kaffee nicht vergessen – wehe, er hat nicht die richtige Temperatur! –, all das gefälligst bis vorgestern, „that’s all“. Der Schlusssatz ein Ritual, ein Peitschenknall. Tag für Tag stellt Priestly unmögliche Anforderungen, selbst die Kamera (Florian Ballhaus) gerät beinahe außer Atem. Geht nicht? Gibt’s nicht.

Andy Sachs (Anne Hathaway), die neue graue Intellektuellen-Maus vom College, ist selbstredend überfordert, zumal in der Redaktion Tag und Nacht auch noch der Zickenkrieg tobt. Aber dann packt Andy der Ehrgeiz. Mit Hilfe des schwulen „Runway“-Profis Nigel (Stanley Tucci) legt sie sich ein exquisiten Styling zu, hungert sich von Größe 38 auf 36 herunter, schafft es neben hundert anderen Simultan-Jobs sogar, für die Priestly-Zwillingstöchter das unveröffentlichte Manuskript des neuen HarryPotter-Romans aufzutreiben, und steigt zur toughen Top-Assistentin auf.

Truffauts Bonmot zufolge bedeutet Kino, schöne Dinge mit schönen Frauen anzustellen. Diese Devise beherzigt Frankels Mode-Farce in jeder aufwändig ausgestatteten Szene, auch wenn Anne Hathaway neben Streeps Aura verblasst. Der Sex-Appeal der Macht ist einfach stärker als die Verführungskraft der Jugend. Schade bloß, dass die anfangs vorgelegte Hochgeschwindigkeit sich kein bisschen steigert und mancher running gag (die morgendliche „That’s all“-Ouvertüre) durch schiere Wiederholung zur lahmen „Déjà vu“-Ente ausgebremst wird.

Nichts gegen die Einsamkeit und Selbstdisziplin von Frauen wie Priestly und Sachs. Westernhelden zeichnen sich ja auch nicht durch rege Sozialkontakte aus. Im Gegenteil: Das Problem ist eher, dass „Der Teufel trägt Prada“ deutlich mehr menschelt als die Buchvorlage. Als Miranda Priestlys grundsympathischer Ehemann sich von ihr scheiden lässt, wird ihr Verlassensein als Psychotragik zur Schau gestellt. Neue Rollen, alte Gefühle: Frauen wollen Mitleid haben – als ob der Anblick von Meryl Streep als erfolgreicher und glücklicher Glamourlady nicht zumutbar wäre.

Da Andy sich zum jüngeren Alter Ego der Chefin mausert, erlebt und erleidet sie das Gleiche. Auch sie wird von ihrem Partner (Adrian Grenier) verlassen und muss sich zwischen Beruf und Privatleben entscheiden. Macht oder Liebe: Am Ende kränkelt der Film aus Angst vor der eigenen Courage. Frauen, die tough sind und zärtlich? Das wäre zu viel.

Immerhin, mächtig dürfen sie sein, diese Role-Models des 21. Jahrhunderts – solange sie für den Chefsessel ihr Restleben dranzugeben bereit sind. Okay, das klingt realistisch. Aber seit wann zeichnet sich Hollywood durch Realitätssinn aus? Die Zuschauerin will lieber das Unmögliche sehen. Warum nicht den Vorschein einer neuen Ära von F-KlasseFrauen, deren Macht von der Liebe gekrönt wird, weil ihre Männer sich den Teufel darum scheren, ob die Chef-Gattin auch pünktlich von der Arbeit nach Hause kommt.

In 22 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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