Kultur : Hilfe, meine Eltern sind Aliens

FILM

Thomas Thiel

Die genetische Revolution schafft auch dem Kino einen neuen Helden: den Wissenschaftler. Bislang eher als genialer Spinner oder als indifferenter Zulieferer von Erzschurken in Szene gesetzt, wird er plötzlich zum neuen Typ des Abenteurers. Zwischen Laborroutine und Fachdiskurs lebt er jedoch in einer geografisch und mental abgeriegelten Welt – das macht ihn zum Problemfall fürs Kino.

Danny Deprez’ niederländischer Film Science Fiction (zu sehen in den Kinos Broadway und Kulturbrauerei) löst dieses Dilemma auf originelle Weise. Er betrachtet die Wissenschaft aus der Perspektive eines Kindes und bringt so die soziale Lebenswelt gegen die geschlossene Gesellschaft der Forscher in Stellung. Rick und Rachel, die Eltern des 13-jährigen Andreas, nehmen einen Forschungsauftrag an und ziehen in eine holländische Kleinstadt. Ihr Wohnhaus verwandeln sie in ein steriles Labor. Was das Paar für die ideale Symbiose von Lebenswelt und Arbeitswelt hält, erscheint dem Sohn hochgradig halluzinogen. Zwischen Laptop und Handy, Procaryonten und Protozyten gelingt es seinen Eltern kaum, ihm elterliche Zuneigung zu zeigen. „Wir tun Dinge von übergeordneter Bedeutung“, heißt es oft – und so müssen sich kindliche Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit den höheren Forschungsinteressen unterordnen.

Es ist die neue Schulklasse, die Andreas’ Defizit ausgleicht. Schnell finden seine neuen Freunde auch eine Erklärung für das mysteriöse Tun seiner Eltern: Aliens seien sie, Außerirdische. Leicht könnte man diese Theorie als Ausgeburt kindlicher Fantasie abtun, doch der Film macht es sich so einfach nicht. Und es liegt in seiner eigenen Logik, das sorgfältig aufgebaute Entfremdungsszenario nicht leichtfertig zu zerstören. Nur so kann der Zuschauer die radikale Fremdheit des Kindes in der kalten Forschungswelt der Eltern nachempfinden. Lange gelingt es Regisseur Deprez, den Konflikt zwischen Forschungsdrang und Elternpflicht, zwischen kindlichem Befremden und Nähebedürfnis in der Schwebe zu halten. Schade, dass „Science Fiction“ am Ende seinen eigenen Fragen nicht mehr traut und eine allzu einfache, scheinbar harmonische Antwort gibt.

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