Kultur : Hilfe, wir leben noch

Erwartet keine Wunder: Wie zwei Berliner Fotoausstellungen die neue Armut zeigen

Sebastian Gierke

Der Filmregisseur Jean Eustache hat gesagt, das Licht sei „die Luft der Zeit“. Wenn er damit recht hat, bekommt die Zeit bald Atemnot. Denn das Licht ist abgestanden, zäh und knapp, zumindest auf den Fotografien von Karola Schlegelmilch und Manuel Schröder. So unterschiedlich die beiden sehenswerten Ausstellungen „Licht ohne Sonne“ und „No Wonders“ auch sein mögen, was sie verbindet, ist das Licht. Ob in Afrika und Deutschland, Ghana und im Ruhrpott, in Duisburg und Porto Novo – überall wirkt es fahl, kalt und stumpf. Es überzieht die Motive mit einem schmierigen Teint.

Zum Beispiel das Gesicht eines Mannes um die 40. Halb von unten hat Manuel Schröder es aufgenommen, so dass es fast das gesamte Bild einnimmt. Die kurzen, blonden Haare wirken aschgrau. Im Hintergrund ist die schmutzig-gelbliche Wand eines Zimmers zu erkennen. Die Farbe des Gesichts hebt sich kaum davon ab. Es ist aufgedunsen. Die Augen haben jeden Glanz verloren. Verzweiflung ist dieser Gestalt eingegraben – und Leid. Doch unter dem rechten Auge: eine Träne, die sich an den Augenringen festhält. Ein schwacher Lichtstrahl wird von ihr reflektiert, sie glänzt. Und sie macht deutlich: Da sind noch Gefühle unter dem Panzer, Würde und Stolz.

Nur wegen solcher Details sind diese Bilder sozialer Verelendung, zu sehen unter dem Titel „Licht ohne Sonne“ in der Fotogalerie Friedrichshain, erträglich. Zwar rückt Schröder mit der Kamera nah an die Menschen heran, verletzt aber nie ihre Intimsphäre. Zwei Jahre lang, in unregelmäßigen Abständen, hat der 44-jährige Fotograf ein Abbruchhaus in einem Duisburger Hinterhof mit der Kamera besucht. Obdachlose haben sich dort zwischen Dreck und Alkohol eingerichtet. Als Künstler blickt Schröder in diese Welt, nicht als Voyeur. Er macht mit seinen Notstandsbildern das Grauen nicht konsumierbar, schon gar nicht genießbar, und er befriedigt auch nicht die Lust auf Außenseiterfiguren, deren Elend von der Trash-Ästhetik heroisiert wird. Die Bilder kämpfen vielmehr gegen das Vergessen der Konsumgesellschaft, in der Moral ein Privileg ist: Eine Gesellschaft, die so viele Gewinner hervorbringt, muss sich auch um die Verlierer kümmern, ätzen einem die Fotos in den Kopf.

Auch Karola Schlegelmilch hat sich mit Menschen in Armut beschäftigt. Die 42-jährige Berlinerin zeigt sie in „No Wonders“ jedoch nicht. Sie ist nicht, wie Schröder, in die Häuser gegangen, sondern hat in westafrikanischen Städten Neubauten, Wohnsilos und Industriebaracken von außen fotografiert, meist früh am Morgen, solange nur wenige Menschen unterwegs waren. Das Licht zu dieser Zeit ist fahl und kalt.

Die Bilderserien der verschiedenen Bauten ordnet Schlegelmilch nach architektonischen Grundmustern. Dabei treffen verschiedene Welten aufeinander: afrikanische Alltagskultur, Relikte kolonialer Machtbehauptung und europäische Architektur. Das dient als Ausgangspunkt, um über unser westliches Formenverständnis nachzudenken.

Und es sind auch hier Zeichen der Hoffnung, die die Künstlerin festhält. Die Fassaden sind zwar schäbig, heruntergekommen, wie die Tapeten in Duisburg. Die grell-pink gestrichene Hauswand oder das knallgrüne Fenster zeigen jedoch: Wir leben. Hier. Und wir wollen gut leben.

„Licht ohne Sonne“: Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, bis 26. Januar, Di–Sa 12–17 Uhr, Do 10–17 Uhr. „Nowonders“: Brotfabrik, Caligariplatz 1, bis 28. Februar, tägl. 16–21 Uhr.

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