Kultur : Hilflos in Hollywood

Was kommt nach den Blockbustern? Amerikas Filmfamilie scheut in der Oscar-Nacht das Risiko

Jan Schulz-Ojala

Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet: In die ewigen Jagdgründe der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wird das 78. Oscar-Halali wohl als ziemlicher Flop eingehen. Mit „L. A. Crash“, „Brokeback Mountain“, „King Kong“ und „Die Geisha“ haben zwar gleich vier Filme Beute gemacht, allerdings mit je drei Oscars minusrekordträchtig magere Beute. „L. A. Crash“ hat sich, dies immerhin ein Coup, gegen die zuletzt favorisierten und schon vorab mit Preisen überhäuften „Brokeback Mountain“ und auch „Capote“ durchgesetzt, ist aber ein weltweit abgespielter Film, der dem kollektiven Bewusstsein schon längst wieder entglitten war. Und die Zeremonie selbst, von der man sich einigen (gesellschafts-)politischen Innovationszündstoff hatte versprechen können, erwies sich, bei aller Reibungslosigkeit im Feierlichen, als arg routiniert, uninspiriert und lau. Und, wenn man etwas genauer hinschaut, als triftig lesbares Dokument der – nicht nur amerikanischen – Kinokrise.

Dabei hatte es dieses Jahr besonders verheißungsvoll angefangen: In verblüffender Eindeutigkeit verzichtete die 5732 Köpfe zählende, aus allen Filmberufen zusammengesetzte Academy schon bei den Nominierungen Ende Januar auf die Favorisierung eines vor allem schauwertträchtigen Blockbusters, indem sie etwa „King Kong“ und „Die Geisha“ nur in Nebenkategorien antreten ließ. Stattdessen schoben sich mit fast gleichwertigen Chancen bei der Wahl der besten Filme schauspielerisch hervorragend besetzte, inhaltlich hochwertige und teils brisante Werke nach vorne. Da waren Bennett Millers fulminanter „Capote“, der einen wie wenige Filme das Sehen, Hören und Denken wieder wie neu lehrt, und Ang Lees grandioses Gefühlsepos „Brokeback Mountain“: Der Film setzt – für amerikanische Verhältnisse unerhört selbstverständlich – die homosexuelle Liebe als Summe aus Begehren, Glück, Schmerz und Entbehrung mit dem heterosexuellen Mehrheitsempfinden gleich. Und da waren Steven Spielbergs „München“, der es wagt, aus dem israelisch-palästinensischen Lagerdenken auszubrechen, und George Clooneys „Good Night, and Good Luck“: Im neokonservativen Amerika baut er einem wackeren Kämpfer gegen den McCarthy-Inquisitionismus ein Denkmal. Und was dann? Sie haben es nicht gewagt – nicht das eine und nicht das andere.

Nicht, dass „L. A. Crash“, das Kinodebüt des Fernsehregisseurs Paul Haggis, kein honoriger Sieger wäre. Auch dieses episodenhaft gestaltete kalifornische Megalopolis-Werk in der Tradition von Lawrence Kasdans „Grand Canyon“, Robert Altmans „Short Cuts“ und Paul Thomas Andersons „Magnolia“ weicht gesellschaftspolitischen Großthemen wie Rassismus, Kriminalität, sozialen Kontrasten nicht aus. Aber die Geschichten um einen rassistischen weißen Cop und schwarze Autodiebe, um ein schwarzes Aufsteigerpaar, mexikanische Schlosser und iranische Kleinhändler, die drehbuchgemäß fast ein wenig zu kunstvoll ihren jeweiligen Individualcrashs zugeführt werden, kranken an einem irgendwann penetrant erscheinenden Gutmenschentum. Jeder Schurke hat auch seine sorgfältig modellierte heldische Seite, jeder Gute auch seinen Schattendaseinsriss: Das Ergebnis ist weniger ein spannender Reigen gemischter Charaktere, deren Nachtseiten identifikationsstiftend hätten wirken können, als ein bloß harmonisierendes Gesellschafts-Patchwork, das sich selber dramaturgisch unaufhaltsam neutralisiert.

Ein Kompromisskandidat offenbar. Ein Schauspielerfilm, keine Frage, von Matt Dillon über Don Cheadle bis Sandra Bullock, aber keine einzige Schauspielnominierung wert. Andererseits: Welch seltsame branchenplebiszitäre Weisheit, „Brokeback Mountain“ zwar einen Regie-Oscar zuzusprechen, ihm aber die Trophäe für den besten Film und Auszeichnungen für alle drei vernünftigerweise nominierten großartigen Schauspieler zu verweigern? Immerhin der gleich dreimal nominierte George Clooney hat bei der Entgegennahme seines eigentümlichen Nebendarsteller-Oscars für „Syriana“ kein Blatt vor den Mund genommen und der anwesenden Kollektiv-Jury elegant bescheinigt, sie habe ihn wohl als Regisseur des unbequemeren „Good Night, and Good Luck“ lieber nicht auszeichnen wollen.

Hollywood hat Angst vor der eigenen Courage, so viel ist klar nach dieser Oscar-Nacht. Und es ist, auch das zeigt das eher salaminische als salomonische Urteil, ratlos, wie es überhaupt weitergehen soll – mit kinoträchtigen, also auch kommerziell wirkungsvollen Stoffen und mit dem Kino überhaupt. Dass es nichts taugt, Blockbuster-Material in einer Zeit zu pushen, da auch Blockbuster reihenweise schwächeln, ist vernünftig. Andererseits stellt es der Academy ein schlechtes Zeugnis aus, wenn sie im Zieleinlauf die Zeichen scheut, die sie eigentlich setzen will. So sonnt sie sich in einem Jahr, in dem sie zeitgemäß wie nie hätte auftreten können, vor allem in eigener Intro- und Retrospektion: mit nostalgischen, schon rückzugshaften Appellen an die Größe des Kinos – in einem Rahmen, wie er formelhafter und gestriger kaum hätte wirken können. Und zugleich irgendwann lästig familienfeierlich: Der gefühlte individuelle Großmutterbedankungskoeffizient war enorm.

Kein Wunder, dass die Oscar-Einschaltquoten allein in Amerika auf den zweitniedrigsten Stand seit 1997 fielen. Nur bei der Zeremonie vor drei Jahren unmittelbar nach den ersten amerikanischen Raketenangriffen auf den Irak mochten sich noch weniger Amerikaner für Kino-Glamour interessieren. Die Götterdämmerung des Kinos: Sie scheint nun auch dort angekommen, wo sich alljährlich das gleißendste Licht bündelt.

Und gab es wirklich gar nichts, worüber man sich vorbehaltlos freuen konnte? Aber gewiss doch: Beim Oscar für Philip Seymour Hoffman hat die Academy alle Qualitätserwartungen – man wird sagen dürfen – zwingend erfüllt. Nur der „Capote“-Hauptdarsteller selbst ist hinter gewissen pointierten Hoffnungen eindeutig zurückgeblieben, indem er eine alte Wette mit seinem Freund und Regisseur Bennett Miller nicht einlöste. Statt auf der Bühne so lange seinen Oscar-Dank ins Mikro zu bellen, bis man ihn hätte wegtragen müssen, kämpfte der sonst so toughe Kerl mit den Tränen. Macht nichts: Jagdhunde, die weinen, bellen nicht.

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