Kultur : Hilflose Wissenschaft

UWE SCHLICHT

Ende Juni gedenkt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften traditionell ihrer Gründung im Jahr 1700 durch den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Doch die diesjährige Akademierede des Präsidenten Dieter Simon fiel trotz des nahenden 300jährigen Bestehens der Akademie ganz anders aus als in den Vorjahren. Dieter Simon setzte sich mit der Haltung der Wissenschaftler zum Krieg in Jugoslawien auseinander. Er stellte die Frage, warum die Wissenschaft so seltsam abwesend gewesen sei: die Studenten so reglos, die Assistenten unsichtbar, die Professoren so stumm. Obwohl von deutschem Boden nie wieder ein Angriffskrieg ausgehen sollte, könne man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, daß das Unheil doch auch vom wiedervereinigten Boden seinen Ausgang genommen habe. Deswegen seien im kollektiven Gedächtnis längst als obsolet geglaubte Begriffe wie der "Tyrannenmord" oder der "gerechte Krieg" von den Intellektuellen beklommen hin und her gewendet worden.

Von "Kitschphrasen" wie vom "humanitären Krieg" wollte Dieter Simon nichts wissen - die Formel von der "Weltinnenpolitik" bezeichnete er im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt als "Placebo-Losung". Wie man es auch immer wendet, für Akademiepräsident Simon bleibt der Kriegsbeginn, der 24. März, ein welthistorisches Datum. Denn von da an stelle sich die Frage, ob wir Zeugen einer Revolution seien, "die noch nicht weiß, ob der Tag als Markstein ruchlosen Übergangs vom Völkerrecht zum Faustrecht oder als kühner Schlußstrich unter das alte, im Souveränitätsmodell befangene Denken im Gedächtnis bewahrt werden wird." Hat das Menschenrecht der Vertriebenen einen höheren Wert als die Souveränität, fragte Dieter Simon. Zum rechtlichen Problem, wie sich das Völkerrecht weiterentwickeln werde, gesellten sich die moralischen Urteile, ob wir es der Geschichte schuldig wären, "das brutalste und gewalttätigste Regime Europas zu beseitigen. Was freilich nicht geglückt ist."

Warum haben die Wissenschaftler nicht wenigstens eine Erklärung zum Krieg abgegeben? Dieter Simons realistische und zugleich unbefriedigende Antwort lautet: Wissenschaftler seien keine Experten in der Außenpolitik oder der Militärpolitik und wenn sie sich nur als Staatsbürger oder als "Lehrer der Jugend" äußerten, rücke sie das unweigerlich in die Nähe des Stammtisches. Stammtischparolen schädigten aber den Ruf der Professoren als Experten.

Einerseits bezeichnete Dieter Simon die Wissenschaftler als hilflos. Der Wissenschaftler könne jetzt nur noch versuchen, mitzuschreiben und dadurch mitzuentscheiden, wie später einmal von diesem Krieg erzählt werde. Auf der anderen Seite unterstützt Dieter Simon mit seiner Akademie die Initiative der Universitätspräsidenten von Berlin und Brandenburg, gemeinsam mit dem Wissenschaftskolleg, dem Wissenschaftszentrum, dem Max-Delbrück-Centrum und zahlreichen Forschungsinstituten eine "Balkan-Initiative" ins Leben zu rufen. Wissenschaftlern und Studenten aus der Region des ehemaligen Jugoslawiens sollen Aufenthalte in Berlin und Brandenburg angeboten werden. Stipendien, Gastprofessuren, Austauschprogramme und Aufbauworkshops bieten eine schnelle und unbürokratische Hilfe.

Von den anderen Rednern des Tages gab es weniger tiefgründige, dafür aber handfeste politische Aussagen. Wissenschaftssenator Peter Radunski überbrachte gleich zwei wichtige Botschaften. Den nicht nachlassenden Gerüchten, daß das Akademiegebäude am Gendarmenmarkt doch noch an einen Hamburger Unternehmer verkauft werden soll, gewissermaßen als Draufgabe für dessen Erwerb einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft, trat Radunski mit einem Versprechen entgegen. "Der Berliner Senat hält daran fest, daß die Akademie in ihrem Gebäude am Gendarmenmarkt eine dauerhafte, auskömmliche Heimstatt haben soll, und daß wir bei aller gebotenen Offenheit gegenüber wohlmeinenden Investoren jedes Angebot zur Sanierung des Anwesens primär unter diesem Gesichtspunkt bewerten werden." Abweichend vom schriftlichen Redetext fügte der Senator hinzu: "Verkauft wird dieses Gebäude schon gar nicht." Akademiepräsident Dieter Simon hakte nach: "Wir kümmern uns um unser Haus, das fortdauernd die spekulativen Gelüste verschiedenster Wohl-Täter anlockt, die ihre Wohltat allerdings nicht für uns, sondern für sich planen."

Die andere wichtige Botschaft Radunskis: Er versprach der Berlin-Brandenburgischen Akademie die Unterstützung bei dem Bemühen, von Berlin aus eine nationale Akademie der Wissenschaften aufzubauen, die damit zum kompetenten Ansprechpartner für die großen ausländischen Akademien werden könnte. Die Pläne Dieter Simons, diese nationale Akademie in der Hauptstadt zusammen mit der traditionsreichen Akademie der Naturforscher, der Leopoldina in Halle, in die Wege zu leiten, griff Radunski auf. Er begrüße die Initiative der beiden ältesten deutschen Akademien, in enger Kooperation durch gemeinsame Vorhaben sich den großen gesellschaftlichen Fragen zu stellen. Die Berlin-Bradenburgische Akademie tue jedoch gut daran, mit diesem Thema gelassen umzugehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar