Kultur : Hilmar Hoffmann: Der Enthusiast - Zum 75. Geburtstag

Peter von Becker

Profession und Passion verbinden sich mitunter zu einem Leben. Aber Hilmar Hoffmanns Fall ist doch eine fast wunderbar zu nennende Ausnahme. Kultur und Politik - das ging ja in Deutschland als Beruf oder gar Berufung nur selten zusammen. Entweder man ist Künstler oder man ist Politiker. Einer, der beides sein wollte, der hat in Deutschland und Europa nur Verheerendes angerichtet. Der hat uns gereicht. Und nach dem Nazismus roch Kulturpolitik in einem Teil des Landes bald schon wieder nach Ideologie, schmeckte nach Bitterfeld.

In der jungen (heute alten) Bundesrepublik dagegen herrschte bis zum Anbruch der Studentenrevolte und bis zum Aufbruch der Popgeneration ein vordergründig unpolitischer Kulturbegriff, der den Naziterror als barbarischen Betriebsunfall der Geschichte verstand und die Brüche oder gar Abgründe des Bürgerlichen weitgehend auszublenden suchte. Ein Zusammenhang indes von Kultur und Demokratie war kein öffentliches Thema, auch wenn es Einzelinitiativen gab wie die Gründung der Essener Ruhrfestspiele, bei denen sich Künstler und Kumpel einmal im Jahr begegnen sollten.

Für Hilmar Hoffmann, den gebürtigen Bremer, der mit knapp zwanzig aus dem Krieg kam und bereits 1951 in Oberhausen Deutschlands jüngster Leiter einer Volkshochschule war, für Hoffmann stand es von Anfang an fest, dass Kultur über das traditionelle Bildungsbürgertum hinaus gelehrt, vermittelt, angeboten werden musste. Dass kulturelle Bildung in einer Gesellschaft auch etwas mit demokratischer Kompetenz zu tun hat, ist Hoffmanns sozialdemokratisches Credo. Doch was so verpflichtend klingt, hat auch seine spielerische Seite. Lange bevor das Wort "Lebensqualität" erfunden wurde, predigte Hilmar Hoffmann: Bücher lesen, Theater, Filme, Bilder sehen und Musik hören macht Freude, bringt Genuss und Gewinn.

Er selber war in den Zeiten, da die Kommunen der Bundesrepublik noch Geld hatten und Kulturpolitiker noch mehr von Bildenden Künsten als von Rechenkünsten verstehen durften, ein großer Gründer und Gewinner. Als Kulturdezernent in Oberhausen stand er an der Wiege des deutschen Jungfilms und rief die Oberhausener Kurzfilmtage ins Leben; dann wurde er, für zwanzig Jahre, Kulturdezernent in Frankfurt am Main, war der berühmteste Vertreter seines Berufsstandes, ein Mann der immer neuen Projekte - so hat er am Main unter anderem gut ein halbes Dutzend neue Museen gegründet, von der Modernen Kunst bis zum Film und der Architektur.

"Kultur für alle" heißt sein legendäres Manifest. In den neunziger Jahren wurde es oft bespöttelt als fromme Denkungsart, die vom Stadtteilfest bis zur kommunalen Häkelstube am liebsten alles zur Kultur erklären und entsprechend subventionieren wolle. So grün- und basisdemokratisch aber ist der SPD-Politiker Hoffmann, der in den achtziger Jahren auch mit dem CDU-Oberbürgermeister Wallmann in der Frankfurter Stadtregierung saß, in seinen tieferen Überzeugungen nie gewesen. Hoffmann ist ein pragmatischer, kein philosophischer Kopf, kein Schüler Adornos. Seinem Ur-Eros als begeisterter Volkshochschullehrer zum Trotz weiß er dennoch, dass Kunst auch in Spannung steht zur "Massenkultur", dass Kultur zu einer lebenswerten Gesellschaft gehört, aber darum noch nicht jedes einzelne Werk beliebig sozialisierbar ist.

Was alle Naumanns und Stölzls, alle Nicht-Bürokraten in diesem Metier längst wissen: Es braucht etwas von Hilmar Hoffmanns Elan und Enthusiasmus, von seiner Beredsamkeit und Begeisterung, um die Politik in Deutschland ein Stück kultivierter zu machen. Schon insoweit hat Hoffmann unseren Kulturbegriff tatsächlich "erweitert". Inzwischen ist er, seit 1993, Präsident des Goethe-Instituts, hält Vorlesungen in Israel, züchtet Tauben am Stadtrand und hat in Frankfurt seine "Stiftung Lesen" gegründet: ein schlanker, noch immer temperamentvoller Herr mit einem Kopf, der ein bisschen, tatsächlich, an Goethen erinnert und an Hauptmann.

Zu seinem schier unglaublichen fünfundsiebzigsten Geburtstag, den er heute in seinem Frankfurter Waldgartenhaus feiert (auf der Einladung: "Keine Rede. Keine Blasmusik. Keine Geschenke"), gratulieren wir ihm von Herzen. Und weil heute nicht nur Nietzsche hundert Jahre tot ist, sondern außer Hoffmann auch Claudia Schiffer und Sean Connery Geburtstag haben, nennen wir ihn den James Bond der deutschen Kulturpolitik. Sagte er "Mein Name ist Hoffmann. Hilmar Hoffmann", dann wusste doch jede Krämerseele, was die Stunde geschlagen hatte.

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