Kultur : Himmel in Pfützen

Die Treue des Sohnes: Wolf Jobst Siedler jr. hat wie sein Vater einen Verlag gegründet – mitten in der Krise

Jörg Plath

Es riecht nach Dung, wenn man das Fenster öffnet. Die Domäne Dahlem, der innerstädtische Bauernhof, ist nicht weit entfernt von dem kleinen Büro des wjs Verlages. Der heißt nach seinem Gründer Wolf Jobst Siedler jr., der nun etwas beengt zwischen Büchern und Ordnern sitzt und einen seiner Lieblingssätze von Epikur zitiert: „Der größte Lohn der Selbstgenügsamkeit ist die Freiheit.“ Für antike Philosophen wie Epikur ist der Mensch nicht zur Arbeit bestimmt, und so ist es nur folgerichtig, dass der Epikur-Verehrer ein Essay über das selbstbestimmte Leben ohne Arbeit herausgebracht hat. Eberhard Straubs „Vom Nichtstun“ ist mit 6000 verkauften Exemplaren Siedlers bisher größter Erfolg. Nicht viel, denkt man. Andererseits ist der Verlag auch erst ein Jahr alt.

Die epikureische Lebenshaltung des entspannt wirkenden 48-Jährigen in Pullover und Jeans, der ein wenig wie der junge Michael Naumann aussieht, ist nicht zu verstehen ohne seine ganz anders gearteten Erfahrungen bei Bertelsmann. Für den Konzern hatte Siedler jr. schon neben dem Studium der Geschichte und der Philosophie lektoriert. Ab 1996 redigierte er für Bertelsmann Werbetexte und gab zwei Jahre lang die großformatige Kundenzeitschrift „Transatlantik“ heraus, in der Hausautoren wie Richard von Weizsäcker oder Klaus Harpprecht Bücher aus den gut 10 Konzernverlagen vorstellten – „durchaus kritisch“, wie Siedler jr. betont. Dann begann die Krise auf dem Buchmarkt, die Zeitschrift wurde 2002 eingestellt. Als sein Chef, Volker Neumann, den Konzern verließ, ging auch Siedler jr. und kehrte „nach 18 Jahren Emigration“ nach Berlin zurück. Es klingt, als ob ihn nur die persönliche Beziehung zu dem Mann, der bald Leiter der Buchmesse wurde, in München gehalten hat.

Von einem eigenen Verlag hatte Siedler jr. bereits an der Isar geträumt – zusammen mit anderen gut bezahlten Angestellten, die darunter litten, dass Bertelsmanns Massenproduktion es unmöglich machte, „sich mit einem einzelnen Buch zu beschäftigen und ihm gerecht zu werden“. Warum aber verwirklicht Siedler jr. seinen Wunsch ausgerechnet in der Buchhandelskrise? „In Krisenzeiten hat man oft gar keine großen Alternativen“, sagt der Verleger gänzlich unprätentiös. „Wieder eine Anstellung zu finden, was mir gar nicht so lieb war, wäre schwierig geworden.“ Manchmal verhelfen Krisen zum Lebensglück.

Selbstgenügsamer und freier lebt Siedler jr. nun. „Eine kleinere Wohnung, ein kleineres Auto – das ist in Berlin so unwichtig wie nirgendwo sonst in Deutschland.“ Die Verluste des Verlages, der mit Hilfe der Bertelsmann-Abfindung und einem Kredit gegründet wurde, sind überschaubar, die Kosten für die drei freien Kräfte in Vertrieb, Grafik und Presse gering. „Unsere Bücher bringen ab 2000 Stück Gewinn, Konzerne mit ihren riesigen Apparaten brauchen Durchschnittsauflagen von etwa 15 000. Bescheidenheit ermöglicht uns das Überleben.“

Trotz aller Bescheidenheit – dem heiteren Müßiggang kann sich der Verleger bei zehn Sachbüchern jährlich nicht hingeben. Wiederentdeckungen wie Margret Boveris Aufzeichnungen „Tage des Überlebens. Berlin 1945“ und ihre Autoreisen durch den Orient sind darunter, ein Essay der Publizistin Sonja Margolina über den Zusammenhang von Trinken und Macht in Russland mit dem griffigen Titel „Wodka“ und der 400-seitige Bericht „Das deutsche Jahr“ des Diplomaten Claus J. Duisberg über die Wiedervereinigung.

Die politischen, zeitgeschichtlichen und philosophischen Themen und die seriöse Gestaltung der Bücher lassen nicht gerade an ein junges Unternehmen denken. Dafür gibt es zwei Gründe: Zunächst ist Wolf Jobst Siedler jr., wie er sagt, ein „mittelalterlicher Verleger“. Außerdem hat er „ein verlegerisches Vorbild: die schmalen Essaybände der Corso-Reihe meines Vaters“. Der Junior setzt die Familientradition fort. Der Senior, ein gebildeter, aufgeschlossen konservativer Autor, war ein einflussreicher Verleger. Die zeitgeschichtlichen und historischen Werke sowie Prominentenbiografien des Siedler Verlages waren maßgeblich für die Konjunktur historischen Denkens in den achtziger Jahren verantwortlich. 1993 übernahm Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann den Verlag ganz, weshalb der wjs Verlag nicht den Familiennamen tragen kann.

In seinem kleinen Verlagsbüro blickt Siedler jr. auf ein trübfarbenes Gemälde des Potsdamer Platzes zu Mauerzeiten. Es stammt vom Vater, der hier seine Memoiren verfasste und ein Haus weiter wohnt. Wie verstehen sie sich? „Im Verlagsbereich“, erwidert Siedler jr. ruhig, „gibt es häufig Vater-Sohn-Konflikte. Das ist mir Gott sei Dank erspart geblieben. Natürlich leidet der Sohn eines bedeutenden Vaters immer ein bisschen – er hat aber auch viele Vorteile. Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis, mein Vater ist im besten Sinne liberal.“

So erfolgreich wie der Siedler Verlag muss der wjs Verlag gar nicht werden. Nach den Jahren im Konzern schätzt Siedler jr. die Übersichtlichkeit, arbeitet möglichst mit anderen kleinen Unternehmen zusammen, und viele Bücher entstehen aus persönlichen Beziehungen – so auch „Der Himmel in den Pfützen“, die in frischem Ton erzählten Erinnerungen des jüdischen Zahnarztes Anatol Gottfryd an ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm, KZ und Kunstavantgarde. Als Jugendlicher ging Siedler jr. gern in die „elegante, wenig angsterregende Praxis“ des Holocaust-Überlebenden, der mit vielen Künstlern befreundet war. Heute faszinieren ihn Gottfryds Gästebücher, in denen sich Fassbinder, Beckett, Grass, Zadek, Baselitz, Lüpertz, Brigitte Mira und viele Amerikaner verewigt haben. „Immendorff hat einen gezogenen Zahn eingeklebt und drumherum gezeichnet. Das ist eine kleine Kulturgeschichte Berlins in den fünfziger und sechziger Jahren. Da machen wir was draus.“

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