Kultur : Himmel ohne Sterne

Der Tod der Diva im Zeitalter von Dieter und Naddel – eine Konferenz in der Akademie der Künste

Kerstin Decker

Er ist weit weg. Er glüht. Er funkelt noch nach seinem Tod. Er existiert in einem Feld von anderen Sternen, aber in gebührlicher Entfernung. „Ist doch ganz einfach“, sagt der Fernsehmoderator, „steckt doch alles im Wort“. Roger Willemsen ist hochzufrieden mit seiner Definition des Stars nach vier Stunden Nachdenken über „Diven -Stars - Ikonen“ in der Akademie der Künste. Nur Harald Martenstein vom Tagesspiegel zweifelt immer noch. „Der bestirnte Himmel über mir und das Sittengesetz in mir“ - sind Willemsens Sterne nicht viel zu kantianisch? Da Martenstein aber auf dem Schlusspodium direkt neben Willemsen sitzt, sagt er nichts von Kant, sondern erinnert nur daran, dass man Stars auch lieben können muss. Eine Tätigkeit, die der Kantianismus nicht unbedingt vorsieht.

Eine Gesellschaft ohne Stars wäre eine Gesellschaft ohne Liebe, hatte Martenstein vor vier Stunden dem erstaunt-akademischen Nachmittags-Publikum erklärt, ja, ein vollkommen starloses Gemeinwesen trüge tendenziell totalitäre Züge. Und wie, formulierte Martenstein überraschend die Denkaufgabe für alle, passt das nun auf Dieter Bohlen? Die Unvollkommenheit, erfahren wir, ist der Königsweg zur Liebe. Bohlen, Feldbusch und die anderen sind Stars für uns, für ein aufgeklärtes, desillusioniertes, unvollkommenes Publikum. Wir können nicht singen, Bohlen kann es auch nicht. Das bringt uns nahe. Es handelt sich bei unseren neuen Stars gewissermaßen um demokratische Stars. Das ist die optimistische Interpretation des Befundes: Jedes Land hat die Stars, die es verdient.

Kult kommt von Können

Wenn man aber nur das Unvollkommene lieben kann, hat Gott - Superstar des metaphysischen Weltalters - einen bis heute fast unbemerkt gebliebenen liebesstrukturellen Nachteil, denken wir noch, als Elisabeth Bronfen, Verfasserin eines Buches über das Wesen der Diven, schon bei Maria Callas ist. Unvermittelt stehen wir vor der ersten Groß-Antinomie des Tages: Bohlen kann nicht singen. Callas kann singen. Und beide sind Stars? Eben nicht, erklärt Elisabeth Bronfen, die Callas ist kein Star, sondern eine Diva. Eine Diva sei „Wunde und Wunder zugleich". Ist Dieter Bohlen etwa Wunder und Wunde zugleich? Gewiss hätte Bohlen die Callas nicht verstanden: Singen ist Gottesdienst, und sonst gar nichts.

Vielleicht sind die undemokratischen Stars doch besser als die demokratischen Stars? Der Autor zweier Biografien der deutschen Superstars Boris Becker und Heinz Rühmann ist inzwischen an dem kritischen Punkt seiner eigenen Biografie angekommen, an dem der Mensch meint, überhaupt keine Stars mehr nötig zu haben. „ Die sind doch alle mediengemacht!“, ruft Fred Sellin seine aufklärerische Botschaft einem ziemlich nachaufklärerischen Publikum zu. Martenstein schaut missbilligend auf den Becker-Biografen. Hat er schon wieder die Liebe vergessen! Da sagt Sellin, dass er Verona für eine Witzfigur hält. Kein Zweifel, der Becker-Biograf liebt Verona nicht. Vielleicht liebt er nicht mal Boris.

Aber das Moment der Leistung, fordert nun die Autorin des Diven-Buches, dürfe man bei der Genesis eines Stars niemals vergessen. Alle stimmen zu, nur Roger Willemsen findet das Moment der Leistung problematisch, seit Mike Krüger erklärt hat, die Leute aus dem Big-Brother-Container können im Gegensatz zu ihm keine Stars sein, weil ihnen das Lebenswerk fehlt. Außerdem vertritt Willemsen die These, die wahre Geschichte der Stars sei die ihres Untergangs, und dieser sei nunmehr fast abgeschlossen. Harald Martenstein macht den Vermittlungsvorschlag, Lohn und Leistung zu entkoppeln, schließlich sei das überall so. Die frühere „Bunte“-Chefredakteurin Beate Wedekind hatte in ihrem Vortrag über die Differenz von „Society“ und „Gesellschaft“ sinngemäß erklärt, dass zur „Society“ die veröffentlichten, demokratischen Stars von Harald Martenstein gehören, während zur „Gesellschaft“ die eher unveröffentlichten Menschen zählen würden, die „wirklich etwas zum Gemeinwohl beitragen“. Vor über zwanzig Jahren, als Wedekind ihre erste Gesellschaftskolumne für den „Abend“ schrieb, hat man sie noch zu Ärztekongressen geschickt. Ein leichter Ausdruck von Wehmut legt sich über Podium und Publikum. Es ist der Moment größter Verona- und Dieter-Ferne.

Moderator und Tagesspiegel-Feuilletonchef Peter von Becker berichtet von den Augenblicken glückhafter Koinzidenz von „Gesellschaft“ und „Society“, als sich in Hollywood noch Charly Chaplin und Greta Garbo im T-Shirt mit deutschen Exil-Größen wie Brecht und Arnold Schönberg trafen. Beate Wedekind gesteht dann, genau wie der Becker-Biograf eigentlich gar keine Stars zu brauchen. „Kompetente Leute“ würden genügen. Und hatte Star-Fürsorgerin Heike-Melba Fendel von der Medienagentur „Barbarella“ nicht eben berichtet, wie sehr die Stars unter unserer Liebe leiden? Also – einfach abschaffen?

Deutsch sein, heißt Bohlen kennen

Das Rest-Podium wirkt plötzlich akut besorgt. „Kompetente Leute“ als Bindemittel einer Massengesellschaft. Reicht das? Natürlich brauchen wir Stars. Über einem Star, hatte Willemsen in einem Anflug akademischen Furors gesagt, schließt sich der Interpretationszusammenhang der Gesellschaft. Er meinte damit, jeder kennt Dieter Bohlen, und das ist das letzte, was unsere Welt im Innersten zusammenhält, nachdem wir schon nicht mehr über das Fernsehprogramm von gestern reden können, weil jeder etwas anderes gesehen hat. Ein Star ist also etwas, das jenseits der Geld-, Waren- und politischen Redeströme existiert und die Gesellschaft überhaupt erst konstituiert.

Denn er ist das, was den Einzelnen erlebbar mit dem Allgemeinen verbindet. Diese Verbindung stiftete einst den Erfolg der Religion. Jesus in meinem Herzen mit direktem Draht zum Weltganzen. Heute sind wir nur bescheidener geworden. Und jetzt können wir auch die Frage beantworten, was es heißt, ein Deutscher zu sein: Ein Deutscher zu sein bedeutet, Dieter Bohlen zu kennen. Sage keiner, dass das nicht wichtig ist.

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