Kultur : Himmel und Hölle

Das Meer, nur das Meer: Friedrich Schirmers erste Spielzeit am Hamburger Schauspielhaus

Katrin Ullmann

„Er wird die Hölle erleben – so wie jeder hier.“ Das prognostizierte der scheidende Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg in einem Abschiedsinterview seinem Nachfolger Friedrich Schirmer. Dieser übernahm zur Spielzeit 2005/06 das 1200-Plätze-Haus in Hamburg. Aus Stuttgart kommend, war er bei der kulturpolitischen Entscheidung im Jahre 2003 der absolute Wunschkandidat der damaligen Hamburger Kultursenatorin Dana Horáková. Die ehemalige BILD-Redakteurin und Kulturverantwortliche des damals regierenden CDU-FDP-Schill- Senats war über Tom Stromberg mehr als verärgert, und umso überzeugter davon, dass „Friedrich Schirmer an die glanzvollen Zeiten eines Frank Baumbauer am Deutschen Schauspielhaus anknüpfen wird“.

Friedrich Schirmer nahm die Herausforderung gerne an, genauso wie die halbe Million Euro, die Stromberg ihm hinterlassen konnte, und auch sieben von dessen erfolgreicheren Produktionen. Aus Stuttgart brachte sich Schirmer seine dortige Hausregisseurin Jacqueline Kornmüller, den Chefdramaturgen Michael Pfropfe sowie sechs Produktionen mit. Er schrieb „Die Delphine kommen“ auf ein großes Transparent, machte den niedlichen Meeressäuger zum sinnfreien Logo des Theaters und stürzte sich mit seinem „Theaterschiff“ samt maritimem Spielzeitschwerpunkt in die Fluten.

Auf fünf Jahre läuft Schirmers Vertrag, das erste ist nun rum. „Ich bin erschöpft, aber ich bin nicht unzufrieden. Fast fröhlich“, sagt er kurz vor der Sommerpause. Von Höllenqualen keine Spur. „Ich bin Berufsskeptiker, ich weiß nicht, was noch kommen kann. Vielleicht war die erste Spielzeit das Fegefeuer und die Hölle kommt erst noch – vielleicht aber auch nicht.“

Was sagen die Zahlen? Ein in der ersten Spielzeit großzügig bezuschusstes und höchst erfolgreiches „Junges Schauspielhaus“, das „zweite, theatralische Herz“ der Bühne, bescherte dem Malersaal 89Prozent Platzauslastung, 13 mehr schlechte als rechte eigene Produktionen dem Großen Haus hingegen nur 58 Prozent. Die Zuschauerzahlen, die in Strombergs letzter Spielzeit die 220 000er Marge erreicht hatten, dezimierten sich um ganze 100 000. Aber diese Zahlen sind nicht überraschend, ähneln sie doch denen aus Strombergs erster Spielzeit.

Künstlerisch changierte das erste Schirmerjahr leider in verwässertem Grau mit all zu vielen Inszenierungen auf Provinzniveau. Angefangen mit Kornmüllers ödem Eröffnungskammerspiel „Die Frau vom Meer“, über einen nichtssagenden „Mephisto“ (Regie: Anders Paulin) und einem folkloristischen „Kreidekreis“ (Regie: Jacqueline Kornmüller) bis hin zu Bauersimas „Oh die See“ als absoluten Tiefpunkt der Saison. Auch der zweiten Spielzeithälfte gelangen mit einem „Leiden des jungen Werther“ (Regie: Florentine Klepper) auf Schultheaterniveau, einem verstaubten „Andorra“ von Tina Lanik, einem epischen „Unten“ (Regie: Jürgen Gosch) keine Volltreffer. In guter – oder zumindest streitbarerer – Erinnerung bleiben immerhin „Faces“ von Ivo van Hove – eine Übernahme vom Stuttgarter „Theater der Welt“-Festival –, Nüblings „Die Krönung Richards III.“, Kusejs „Zur schönen Aussicht“ mit August Diehl und Lavinia Wilson und Karin Henkels „Medea“.

Zwischendurch gab es ein wenig unerfreuliche Stadtpolitik, denn beinahe wären Fundus, Werkstatt, der Malersaal und die Verwaltungsbüros des Schauspielhauses und damit die ferne Zukunft des Hauses an einen französischen Investor verkauft worden. Doch heftige Proteste konnten dies kurz vor knapp noch verhindern.

Zahlen, Fakten oder Immobilienskandale – was in der ersten Spielzeit vor allem fehlte, war ein roter Faden, eine übergreifende Idee: Da kann sich Schirmer noch so sehr dem Meer als Leitmotiv verschreiben. Eine zu große Beliebigkeit durchstreifte den Spielplan, ein scheinbar wahlloses Zusammensein von Schauspielern, Regisseuren und Leinwandgästen. Nichts wirklich Neues, nichts Provokantes passierte am Hauptbahnhof. Die einzig klare Abgrenzung zu Zadek, Baumbauer und Stromberg, ist Schirmers Wiedereinführung des Festabonnements. „Delphine würden abonnieren“ propagierte er mit einem weiteren großen Transparent und tatsächlich haben sich mittlerweile an die 300 Hanseaten in den sympathischen Meeressäuger verwandelt.

Unter der losen Überschrift „Haben oder Sein“ steht die kommende Spielzeit. Eröffnen wird sie Roberto Ciuli mit „Kirschgarten“, gefolgt von Philipp Tiedemanns nicht wirklich origineller Idee, das Hamburger Telefonbuch auf die Bühne zu bringen und Ivo van Hoves Interpretation von „Der Geizige“.

„Weitermachen und dabei leicht bleiben“ ist Schirmers Devise, denn der Anfang am Hamburger Schauspielhaus war bisher für jeden Intendanten schwer. „Dieses Haus verzeiht keinen Fehler, es ist einfach monströs“, so Schirmer, „und wenn man es mit einem Fußballstadion vergleichen möchte, ist es eines mit zwei Aschenbahnen. Außerdem muss es gleichzeitig innovativ und populär sein. Das ist unglaublich schwierig. Doch meine ersten zwei Jahre in Stuttgart“, ergänzt er, „waren auch gnadenlos hart. Wenn es dort am Ende der zweiten Spíelzeit um meine Vertragsverlängerung gegangen wäre, hätte man mich achtkant rausgeschmissen. Zu dem Zeitpunkt hätte niemand voraussagen können, dass ich dort insgesamt 12 glückliche Jahre haben würde.“ Noch ist also alles noch möglich: Fegefeuer, Hölle oder Himmelreich.

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