Kultur : Himmel und Hölle

Jörg Königsdorf

2006 war einfach: Im großen Mozart-Jubeljahr wussten alle Opernhäuser der Welt, wen und was sie zu feiern hatten. Aber 2007? Natürlich gibt es auch in diesem Jahr ein paar Gedenkkandidaten, aber leider haben sich weder Edvard Grieg, Dietrich Buxtehude oder Domenico Scarlatti (um nur die wichtigsten zu nennen) sonderlich für die Opernbühne interessiert – und der vor 50 Jahren verstorbene Erich Wolfgang Korngold schrieb zwar eine ganze Reihe Opern, unglücklicherweise aber außer seiner „Toten Stadt“ keinen Hit, der wirklich Publikum anlocken könnte.

Um die Gedenkflaute zwischen dem Mozartjahr 2006 und dem Puccini-Jahr 2008 diskret zu überbrücken, hat die vom Brüsseler Intendanten Bernard Fouccroulle geleitete Initiative „Opera Europe“ 2007 nun zum „Orfeo“-Jahr ausgerufen. Denn vor genau vierhundert Jahren, am 24. Februar 1607, begann mit Claudio Monteverdis Orfeo der Siegeszug der Oper. Streng genommen hatte es zwar schon zuvor ein paar Versuche gegeben, mit Gesang und Szene an das antike Theater anzuknüpfen, aber erst der Sensationserfolg von Monteverdis „Favola in Musica“ konnte die neue Kunstgattung tatsächlich etablieren.

In Berlin sind die „Orfeo“-Festlichkeiten glücklicherweise schon in vollem Gange: An der Staatsoper besteht heute und morgen noch die Möglichkeit, Barrie Koskys poetisch reduzierte Inszenierung des Stücks mit René Jacobs am Pult zu erleben. René Jacobs hat sich über Jahre mit dem „Orfeo“ und Monteverdis Klangdramaturgie auseinandergesetzt und in der Lindenoper versucht, die besonderen Effekte von Himmel- und Höllenorchester durch eine ausgeklügelte Postierung der Musiker zu erzielen – da es anno 1607 bekanntlich noch keinen Orchestergraben gab, hatte Monteverdi seine Instrumentalisten im Halbkreis um die Szene herum, aber wohl auch außerhalb des Saales postiert.

Der experimentelle Charakter, der diesem Erstling einer neuen Art zwangsläufig innewohnt, macht das Stück natürlich auch besonders für Bearbeitungen und Verfremdungen geeignet. Die Hamburger Off-Opernmacher Andreas Bode und Titus Engel haben den „Orfeo“ neu arrangiert und sind dafür bei der Premiere im Dezember in der Kampnagel-Fabrik tüchtig bejubelt worden. Im Radialsystem bildet ihre Produktion von Mittwoch bis Freitag den Auftakt zu einer kleinen Reihe, in deren Rahmen das Kunstzentrum am Ostbahnhof das ganze Jahr über Stücke über den mythischen Sänger präsentieren will.

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