Kultur : Himmel und Watt

Exzellentes von Schmidt-Rottluff, Feininger, Liebermann: die Vorbesichtigung der Villa Grisebach.

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Rosa Zeiten. Den „Jungen Mann aus dem Dorfe“ malte Lyonel Feininger um 1916. Foto: Villa Grisebach / VG Bildkunst Bonn, 2013
Rosa Zeiten. Den „Jungen Mann aus dem Dorfe“ malte Lyonel Feininger um 1916. Foto: Villa Grisebach / VG Bildkunst Bonn, 2013

Der Blick auf den Jadebusen ist elementar. Statt weitem Meer und großräumiger Landschaft zoomt Karl Schmidt-Rottluff das „Watt bei Ebbe“ heran. Holzschnittartig und radikal vereinfacht, liegt die emotionale Wucht in der Farbwahl. Und auch die ist reduziert: auf den glühenden Abendhimmel, dessen Orangerot sich im Watt spiegelt, und das Dunkelblau des Wassers. Drei Segelboote werfen schwarze Schatten. 1912 verbringt der Brücke-Künstler den letzten von fünf Sommern im friesischen Dangast. Im Jahr darauf löst sich die Künstlergemeinschaft auf. Mit einer Schätzung von einer bis 1,5 Millionen Euro ist das eigenwillige Seestück das am höchsten dotierte Los der Herbstauktionen in der Villa Grisebach.

Gefolgt von Lyonel Feiningers „Der junge Mann aus dem Dorfe“ für etwa die Hälfte. Der Spaziergänger im zackig orangenen Anzug ist von roten Feldern umflort. Bäume ragen wie Blitze in die kristallin-kubistische Landschaft. Kleiner Makel: Das um 1916 entstandene Ölbild blieb unsigniert. Eingeliefert wurde es aus dem Feininger-Nachlass, aus dem auch die expressionistische Skulptur kommt, die der Bauhaus-Meister einst vom Kollegen Gerhard Marcks geschenkt bekam. Geschnitzt ist die auf 80 000– 120 000 Euro taxierte „Weltangst“ aus dem Holz einer Kastanie, die hinter dem Weimarer Bauhaus stand.

Weitere Höhepunkte des von der klassischen Moderne dominierten Segments der Ausgewählten Werke sind zwei Gartenbilder von Max Liebermann – während ein Kleinod des großen Impressionisten in der Abteilung des 19. Jahrhunderts angeboten wird. Eine Ölstudie der „Flachsscheuer in Laren“, die mehr noch als das Gemälde aus dem Bestand der Alten Nationalgalerie auf die Lichtwirkung setzt. Die Gesichter sind zu Farbreflexen aufgelöst, und im Zentrum der überaus malerisch durchkomponierten Papierarbeit (140 000–180 000 Euro) wird das Fenster zum abstrakten Bild im Bild.

Einmal mehr frischen Wind in den Ausstellungsparcours bringt die dritte Ausgabe der Orangerie. So, wenn Antonio Canovas Marmorbüste der Göttin Hebe – als Werkstattreplik des frühen 19. Jahrhunderts auf 30 000–40 000 Euro geschätzt – neben Horst Antes’ 1975 entstandenem „Großem Federbild“ steht, das für mindestens 50 000 Euro bei der zeitgenössischen Auktion zum Aufruf kommt. Beäugt wird die pittoreske Allianz von Friedrich dem Großen und Kronprinz Friedrich Wilhelm, deren Konterfeis auf zwei KPM-Deckelvasen mit einem Limit von 35 000 Euro eingestuft sind. Vielleicht war Hebe, als Mundschenk der Götter oft von einem Krug begleitet, auch Vorbild für Ossip Zadkines „Jeune fille à la cruche“. Die überlebensgroße Holzskulptur von 1920 des russisch-französischen Kubisten dürfte mit ihrer Schätzung auf 400 000–600 000 Euro für Spannung sorgen.

Hinreißend die etwa 700 Jahre alte afrikanische Tierfigur aus Terrakotta (6000–8000 Euro), die einem Wächter gleich Willi Baumeisters urbildsprachliches „Mo“ (250 000–350 000 Euro) aus dem Jahr 1954 flankiert. Gelungen auch die Kontrapunkte im Informel-Raum. Zwischen Granden wie Emil Schumacher oder Arnulf Rainer mit einem entzückend „Blonden Gift“ für 60 000–80 000Euro ragt Isa Genzkens „Wiese“ hervor. Als raue Betonskulptur auf hohem, offenem Stahlsockel. Die just vom Museum of Modern Art mit einer Retrospektive geadelte Bildhauerin weckt mit bis zu 250 000 Euro die höchsten Erwartungen der Zeitgenossen, von denen zur Abendauktion unter anderem Thomas Demands „Campingtisch“ aufgerufen wird. Ein Relikt aus dem Entführungsfall Jan Philipp Reemtsa, das Demand typisch als kühle Rekonstruktion des Raumes und der Dinge fotografiert hat und das in einer 6er-Auflage auf bis zu 40 000 Euro taxiert ist. Das Minimum, das Edward Steichens Greta-Garbo-Porträt von 1928 als Hauptlos der Fotografie einspielen soll. Den Abschluss der insgesamt sieben Auktionen mit einem mittleren Schätzwert von 18 Millionen Euro bildet am Sonnabend der Third Floor mit Schätzpreisen bis zu 3000 Euro.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25., Vorbesichtigung noch bis 26. November; Auktionen vom 27. bis 30. November, www.villa-grisebach.de

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