Kultur : Himmelfahrt im UN-Gebäude

OPER

Christiane Peitz

Schreien Sie mal! Es muss alles raus: die Wut, die Angst, der Schmerz, die Hysterie. Bloß die Lust ist in Luigi Nonos Polit-Parabel „Intolleranza“ (1960) als letzte emotionale Radikale eher – ein Verstummen. Als Nonos „Szenische Aktion“ vom Gastarbeiter, der bei der Rückkehr in die Heimat unter die Faschisten fällt, am 15. September 2001 zum Amtsantritt von Udo Zimmermann an Berlins Deutscher Oper Premiere feierte, hatte Regisseur Peter Konwitschny deren Schroffheit keineswegs abgemildert, sondern verschärft: mittels blutigroter Überzeichnung, Abstraktion, Konzentration. Gesang als ein Sprechen mit geballter Faust, als letzte Entäußerung, wenn einem der Schock die Stimme verschlägt. Und mitten in dieser vom Terror des 20. Jahrhunderts traumatisierten Musik flimmerten die Schlagzeilen vom 11. September.

Oper als Menetekel. Mit der Wiederaufnahme folgt nun die Irakkriegs-Version: Nachrichten aus Bagdad, dazu sarkastische Karikaturen unserer (Des-)Informationsgesellschaft: „Embedded journalist erscheint brennender DornBush.“ Oder: „Papst channelt Schönberg, er solle 3. Akt vollenden. Uraufführung am Himmelfahrtstag im ehemaligen UN-Gebäude vorgesehen.“ Unter kundiger Leitung von Peter Rundel riskieren Melanie Walz, Yvonne Wiedstruck und der Opernchor erneut Kopf und Kragen für ihre vertrackten Partien. Nur Sidwill Hartman rackert sich als „Gastarbeiter“ allzusehr ab. Im Publikumsgespräch hält Udo Zimmermann, nun schon wieder kurz vor Amtsende, einen flammendem Appell für das Zeitgenössische. Sie wolle, so eine Dame, aber lieber Erbauliches sehen. Und Konwitschny, der unermüdliche Kommunikator, pariert: Ob die Wahrheit in einer Welt von Lügen nicht auch erbaulich sein könne?

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