Kultur : Himmelsstürmer im Jüdischen Museum

Doris Meierhenrich

In den Flügeln den Sturm, der ihn in die Zukunft reißt und den entsetzten Blick zurück auf die Trümmer, die er hinter sich lässt, so sah Walter Benjamin den Engel der Geschichte. Dieses Bild drängt sich auf, während man in die unterirdischen Gänge des Jüdischen Museums hinuntersteigt und plötzlich Engel ganz anderer Art antrifft. Einer sitzt entspannt auf dem Treppenabsatz und liest, drei andere putzen mit Staubwedeln über die leeren Vitrinen. Es scheint, als habe sich der Sturm der Zeit im Zickzack des Libeskindbaus totgelaufen und als könnten die Engel, die die Regisseurin Adriana Altaras hierher versetzt hat, die Besucher in die Geschichten des Isaak B. Singer führen. Singers Texte liefern die Grundlage für den Theaterabend an einem Ort, dessen Architektur schon eine deutliche Geschichte spricht. Unter dem Titel "Gefilde des Himmels" hat Adriana Altaras Singers kabbalistisch-mystische Erzählungen zu einer leichten, immer anrührenden Reise durch die Zeit-Räume inszeniert (heute 20 Uhr und jeweils Sa, So, Mi, Do bis 4. 6.). Eine vom Dämon besessene Frau, ein von ihr verführter Lehrer, ein namenloser Emigrant, ein Dichter irren zwischen chassidischer Tradition und dem entwurzelten Leben im amerikanischen Exil umher. Erst in den Fängen der Dämonen kommen sie zu ihrer Wahrheit: Wenn es so etwas gibt wie Schwarze Magie, gibt es vielleicht auch Gott. Anna Böttcher, Rosa Enskat, Edelgard Hansen, Romanus Fuhrmann, Stephan Korves und Gerd Lukas Storzer wechseln virtuos zwischen den Rollen. Und die drei geistig behinderten Laienschauspieler, die aus einer ganz anderen Wahrnehmungswelt kommen , sind wohl die besten Engel, die man sich denken kann.

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