Kultur : Himmlische Perspektiven

Die Kunstmeilen in München und Salzburg erneuern sich, auch dank reger Kooperationen

Eva Karcher

Nicht München leuchtet in diesem Sommer im Süden am strahlendsten, es ist Salzburg. Und hier brillieren nicht unbedingt die vertrauten und prunkvollen Festspiele, sondern es glänzt – von Saison zu Saison selbstbewusster – die Kunst. Hatte noch im vergangenen, schweißgebadeten August ein Skandal um eine männliche Nacktskulptur der österreichischen Kunst-Anarchos Gelatin die Gemüter erhitzt, so erfrischte sich die internationale Society in diesem Jahr am Anblick eines cremefarbenen Kubus hoch oben auf dem Mönchsberg. Die allgemeine Begeisterung entzündete sich am Inneren des neuen „Museums der Moderne“, um das die Münchner Architekten Friedrich-Hoff-Zwick das Stammhaus Rupertinum erweitert haben (Tagesspiegel vom 29. Juli) . Mit zum Teil gleißenden Lichtinstallationen sorgte die Direktorin Agnes Husslein-Arco für ein buchstäbliches „Einleuchten“ des neuen Ausstellungshauses.

Ebenbürtig glamourös feiert Galerist Thaddaeus Ropac an diesem Wochenende sein 20-jähriges Jubiläum. Selten war eine Geburtstagsschau bestechender. Ropac zeigt insgesamt 79 Gemälde, Skulpturen, Fotoarbeiten und Zeichnungen von Klassikern wie Andy Warhol und Joseph Beuys bis hin zu viel versprechenden Newcomern wie dem Schweizer Lori Hersberger und dem Deutschen Bernhard Martin. Entsprechend weit gespannt ist der Bogen der Preise von rund 4000 bis zu 500 000 Dollar. Nach zwei Jahrzehnten stellt sich die Galerie in Bestform und mit immer jüngerer Ausstrahlung dar. Stärker denn je engagiert sich Ropac nicht zuletzt dank seines jungen Direktors Arne Ehmann für die nächste Generation. Darüber hinaus fördert er die aktuelle Kunstdiskussion durch zusätzliche Symposien. So bat er die amerikanische Künstlerin Lisa Ruyter anlässlich des Jubiläums eine Show mit Kollegen zu kuratieren. Mit „Heavenly Creatures“ entstand eine der tatsächlich himmlischsten Ausstellungen der letzten Zeit.

Um den Solitär Ropac herum agieren durchaus erfolgreiche Trabanten, darunter auch Neugalerist Günther Salzmann, ein ehemaliger Ropac-Mitarbeiter, der in Innsbruck gerade die „Virsalis Art Projects“ eröffnet hat. Bis zum 31. August stellt er in der Salzburger Theatergasse unter dem Titel „Under Cover“ Arbeiten der Multimediakünstlerin Melli Ink vor. Zum dritten Mal bereits organisiert der Ausstellungsmacher Walter Smerling im Rahmen des Kunstprojekts Salzburg eine Installation im Stadtraum. Nach Anselm Kiefer und Mario Merz widmet nun Marina Abramovic dem berühmtesten Sohn der Stadt eine meditative Plastik aus drei Stühlen: „Spirit of Mozart“.

Einen gewissen Ausgleich zu manchmal allzu großer Nockerlnseligkeit bieten die zunehmenden Initiativen benachbarter Galeristen aus Wien und München. Sie schlagen aus der heimischen Sommerpause zusätzliches Kapital, indem sie sich einen temporären Showroom in Salzburg mieten, solange der Geldadel in der Stadt weilt. Das erfolgreiche letztjährige Gastspiel von Monika Sprüth und Philomene Magers, die Galerien in München, Köln und London führen, setzen nun in denselben gotischen Gewölben die Münchner Galeristinnen Six Friedrich und Lisa Ungar in Kooperation mit der Wiener Charim Galerie fort. Die opulente Melange trägt den optimistischen Titel „Double Game/Triple Gain“.

Auch Rüdiger Schöttle hat schon über einen sommerlichen Businesstrip nach Salzburg nachgedacht. Dieses Jahr begnügt er sich noch mit einer Gastrolle. Mit Sprüth Magers, Tanit, Daniel Blau, Fred Jahn im Bereich des Handels und Sabine Knust im Segment der Editionen zählt er zu den wenigen Galeristen der bayerischen Metropole, die im internationalen Kunstmarkt Gewicht haben.

Aber selbst eine Galerienszene wie die Münchner, die gerade im Vergleich mit Berlin als wenig innovativ eingestuft wird, vermag sich zu erneuern. Wie erhofft, entsteht seit rund drei Jahren im Areal rund um die Pinakothek der Moderne und zusätzlich beflügelt vom kommunikativen Charisma des neuen Direktors des Hauses der Kunst, Chris Dercon, ein anregendes Nachwuchs-Netzwerk junger Galeristen mit durchaus überzeugenden Konzepten und Programmen. Im Zentrum stehen die beiden Galeristen Michael Zink und Andreas Gegner, die sich mit Künstlern wie dem Japaner Yoshitomo Nara, der Brasilianerin Rosilene Ludovico und dem Münchner Michael Sailstorfer auf konträre, doch starke Positionen einlassen.

„Wir unterstützen uns gegenseitig und arbeiten daran, München im nationalen, später vielleicht sogar im internationalen Galerienkontext wieder zu einer größeren Außenwirkung zu verhelfen“, sagt Zink. Andreas Grimm, der mit seinem Partner Adrian Rosenfeld verstärkt auf der Achse München–New York agiert, zählt ebenso zur neuen Powerriege wie Dina Renninger. Die frühere Mitarbeiterin der renommierten Münchner Galerie Barbara Gross hat sich vor eineinhalb Jahren mit Künstlern wie Sybille Rath oder Loredana Sperini selbstständig gemacht. Eigenwillig ist auch der konzeptuelle Ansatz von Stephanie Bender, die junge internationale Künstler wie Jan Stieding oder Carlos De los Rios in ihrer Wandergalerie an unterschiedlichen Orten präsentiert. Noch ein Geheimtipp, vielleicht bald ein In-Place, ist die Galerie von Ben Kaufmann, der selbst Kunst studierte, mehreren Künstlern, darunter Paul Morrison, assistierte und sich nun auf die Vermittlung von Neutalenten konzentriert. Solche Perspektiven braucht die Stadt für ihr Kunstprofil im 21. Jahrhundert. Damit München weiter leuchtet.

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