Kultur : Himmlischer, finnischer Engel

JÖRG KÖNIGSDORF

Janaceks "Jenufa": Pathos und Glück in Hamburg und ZürichVON JÖRG KÖNIGSDORFEs sind diese seltenen Glücksmomente, auf die jeder Operngänger insgeheim wartet: Wenn Interpret und Rolle miteinander verschmelzen, die Vollkommenheit einer Interpretation jede Kunstdistanz vergessen lassen und ein Bühnenschicksal zum unmittelbar gelebten zu werden scheint.Karita Mattila vollbringt eine solche Großtat bei ihrem Rollendebüt als Jenufa und macht allein schon dadurch Olivier Tambosis Neuinszenierung der Jana«cek-Oper an der Hamburgischen Staatsoper zum Ereignis.Die fast übermenschliche Entwicklung, die Janacek seiner Titelheldin zumißt, Mattila durchmißt sie mit einer völlig ungekünstelten emotionalen Direktheit, die mitten ins Herz der Zuhörer trifft.Mattila ist die ideale Jenufa, genau jetzt, zu diesem Zeitpunkt.An dramatischem Expansionsvermögen hat die Stimme der finnischen Sopranistin in den letzten Jahren durch Herausforderungen wie Verdis Elisabeth im "Don Carlos" erheblich gewonnen.Jenufas verzweifelte Ausbrüche im zweiten Akt brauchen auch das volle Orchester nicht zu scheuen. Dabei ist Mattilas Stimme auf unforcierte Art gewachsen, die Reinheit der Tongebung, das kostbar warme Timbre, die einst die Mozart-Sängerin auszeichneten, haben keinen Schaden genommen.Die schimmernden Höhen ihrer Gebete im ersten und zweiten Akt verwirklichen so das Ideal einer fast kindlichen Seelenreinheit, wenn diese Jenufa ihrer schuldig gewordenen Ziehmutter das angetane Leid verzeiht, spricht die Stimme eines Engels.Als wäre das noch nicht genug, verwirklicht Mattila dieses Rollenideal auch noch darstellerisch.Eine schöne Frau, die noch die Jugendlichkeit bewahrt hat, um das unbekümmerte Naturkind zu sein, besitzt sie zugleich auch die gestalterische Reife, die Entwicklung der Jenufa zum großherzig liebenden Menschen ohne theatralische Äußerlichkeit darzustellen.Wie sehr eine solche Attitüde in dieser Menschlichkeitsoper fehl am Platze ist, zeigt Eva Martons Küsterin.Überraschend gut gesungen und vokal auch zu Verletzlichkeit offenbarenden Zwischentönen unterhalb der "Ortrud-Röhre" fähig, ist sie im Spiel mehr Theatertype als Mensch, betont in ihrem rabenschwarzen Gouvernantenkostüm die hexenhaften Züge dieser Figur.Die tragische Größe der Küsterin, die das illegitime Kind ihrer Ziehtochter Jenufa umbringt, um dieser die gesellschaftliche Schande zu ersparen, bleibt so in dieser mehr eindrucksvollen als anrührenden Darstellung unterbelichtet. Um zu erfahren, mit welcher Humanität Janacek auch diese Rolle gezeichnet hat, muß man nach Zürich fahren, wo Anja Siljas Küsterin die sensibel ausgefeilte Neuinzenierung von Reto Nickler dominiert.Sängerisch unleugbar über ihren Zenith hinaus, fasziniert Silja immer noch durch die Intensität und Musikalität ihrer Darstellung.Kleinste Gesten, fast unmerkliche Straffungen des Körpers reichen ihr aus, um einen Affektwechsel zu verdeutlichen.Für Silja ist die Küsterin ganz die liebende, aus Verzweiflung handelnde Mutter, die sich zu ihrer grauenhaften Tat nur in höchster Selbstüberwindung durchringt.Nickler präsentiert sie als eine verhärmt abgearbeitete Frau, verzichtet auf jede dämonische Überhöhung ihres Charakters.Seine "Jenufa" ist ein konsequentes Arme-Leute-Drama ohne ländliche Züge.Die innige Naturverbundenheit, die Tambosi seiner Hamburger Jenufa gestattet, bleibt Gabriela Be«na«ckova, der wohl bedeutendsten Jenufa der letzten zwanzig Jahre, versagt.Schon zu Anbeginn erscheint sie als verhärmte, von Leid gezeichnete Gestalt, kann das auch in ihrer aufgerauhten Stimme nicht verbergen.Die immer noch schöne piano-Höhe gewinnt so einen sehnsüchtigen Charakter, scheint mehr eine Erinnerung an vergangene Jugendlichkeit.Entwickeln kann sich diese Jenufa nur noch eingeschränkt, weshalb die beiden Burya-Brüder in diese Frau verschossen sind, läßt sich kaum nachvollziehen. Doch beiden Aufführungen gelingt das Wesentliche: Jana«ceks humane Botschaft des Verzeihenkönnens aus Menschenliebe zu vergegenwärtigen.Eine rundum perfekte "Jenufa" wäre wohl ohnehin so schön, daß man danach nie mehr in die Oper gehen wollte.

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