Kultur : Hin und weg

Katrin Wittneven

"Denkst du, dass sich deine Nationalität darauf auswirkt, wie das Publikum deine Arbeit im internationalen Kunstkontext versteht?" fragt die Dänin Lise Harlev auf Plakaten im Frankfurter Kunstverein. Damit trifft sie mitten ins Themenfeld der Manifesta 4. Allerdings tarnt Harlev die Poster, indem sie Werbeplakate internationaler Großveranstaltungen wie den Biennalen in Venedig oder São Paolo als Vorlage benutzt.

Auch die Manifesta gehört inzwischen in diesen ganz speziellen Tourismussektor. Im Zweijahresrhythmus und mit wechselnden Kuratoren gastiert sie jeweils in einer europäischen Stadt und ist in zehn Jahren zum Label für experimentelle Nachwuchsschauen geworden. Die Entscheidung für Frankfurt sorgte zuerst für Irritationen - eroberten sich die Teams bisher stets periphere Orte. Passend zum Fluglinienkreuz verfolgen die drei Kuratorinnen diesmal die Themenstränge Mobilität, urbane Strukturen und nationale Identität. Iaara Boubnova, Nuria Enguita Mayo und Stéphanie Moisdon Trembley bereisten 30 europäische Länder, trafen fast 1000 Künstlerinnen und Künstler. Das Archiv ihrer Recherche, für das Mathieu Mercier eine nutzbare Präsentationsform konzipierte, ist im Frankfurter Kunstverein Teil der Ausstellung. Diese Transparenz der eigenen Arbeit gehört zu den Prinzipien des Teams. Der Besucher kann sich auf eine Forschungsreise durch rund 80 künstlerische Arbeiten, Video- und Vortragsprogramme begeben, die im Kunstverein, dem ehemaligen Verwaltungsgebäude Frankensteiner Hof, dem Portikus, der Städelschen Kunstinstitut sowie im Stadtraum platziert sind.

Schon ein erster Rundgang zeigt, wie subversiv die jungen Künstler aktuelle Themen aufgreifen: Ein Container, an dem Fallschirme hängen, scheint in Frankfurt gelandet zu sein. Die Künstlergruppe "The Construction and Deconstruction" aus Bukarest zeigt im Innern ihrer Installation "One-way Ticket Worldwide Travels" einen Stadtplan, auf dem die wichtigsten Adressen für Asylbewerber gekennzeichnet sind - eine andere Seite der Bankenhauptstadt. In eine verborgene Welt entführt Hans Schabus: Mit einem selbst gebauten Segelboot fuhr er durch die Abwasserkanäle Wiens. Ein Video dokumentiert die Fahrt, die - so suggeriert ein Foto - in der Mainmetropole endet. Pierre Bismuth erstellte aus verschiedenen Synchronfassungen des Walt-Disney-Klassikers "Dschungelbuch" eine Version, in der jedes Tier eine andere Sprache spricht, und konfrontiert den Betrachter mit den eigenen Vorurteilen - spätestens wenn der General der Elefantenarmee auf deutsch zu Kommandieren beginnt.

Viele der Künstler setzten in ihrer unmittelbaren Umgebung an: Die in Hamburg lebende Künstlerin Jeanne Faust verweigert zwar die komplette Geschichte ihrer Figuren, aber die angedeutete Handlung erzeugt eine ungeheure Spannung zwischen Realität und Repräsentation. Um die visuelle Beobachtung des Alltagslebens geht es auch in den Videoarbeiten der 1970 in Israel geborenen Künstlerin Yael Bartana. In "Trembling Time" visualisiert sie den Moment einer Schweigeminute für Kriegsopfer in Tel-Aviv. Der plötzlich erliegende Verkehr wird zum Sinnbild kollektiver nationaler Loyalität.

Und manchmal beginnen die Arbeiten bei der eigenen Biografie, wie bei dem 1975 geborenen Chinesen Jun Yang. Mit vier Jahren zog er mit seiner Familie nach Wien, wo er bis heute lebt. Seine bestechend schlichte Videoarbeit erzählt vom Leben zwischen den Kulturen, indem er über die verschiedenen Bedeutungen seines Namens in China und Österreich reflektiert.

Das Fehlen wiedererkennbarer Eckpfeiler, die große künstlerische Installationen gesetzt hätten, macht diese Manifesta sperriger als übliche Kunstausstellungen. Stattdessen werden vielfach Arbeitsweisen von politischen Projektgruppen übernommen. Doch gerade in der Enttäuschung der Erwartungshaltung liegt die Kraft dieses hochsubventionierten, sponsorengestützten Prestigeobjekts. Die umfassenden Reflektionen über urbane Strukturen, künstlerisches Selbstverständnis und nationale Identität lassen sich schwer ins trendiges Stadtmarketing integrieren.

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