Kultur : Hin & weg

Das Berliner Theatertreffen geht in die zweite Halbzeit

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Wenn es so weiterläuft, können die Juroren des Theatertreffens ihre Bodyguards schon mal entlassen. Sie haben dieses Jahr wohl keine hinterhältigen Attacken zu fürchten: Zur Halbzeit des Festivals herrscht eitel Sonnenschein. Damit war nicht zu rechnen.

Lässt man einmal Armin Petras’ „We Are Camera/Jasonmaterial“ beiseite, dieses überlange Kindergeburtstagschaos vom Hamburger Thalia Theater, so haben alle anderen nominierten Aufführungen eingeschlagen. Es ist, als kehrten sich in diesem Jahr die Verhältnisse um. Plötzlich werden Theaterabende, die zu Hause eher schwierige Premieren erlebt und flaue Kritiken bekommen haben, ausgerechnet in Berlin zu Erfolgen. „Anatomie Titus“ in Johan Simons’ Regie von den Münchner Kammerspielen: dortselbst im November vergangenen Jahres noch wackliges Experiment, erweist sich im Haus der Berliner Festspiele als intelligente, konzentrierte Vivisektion eines blutigen Theaterkörpers. An jenem Ort, wo schon so manch gepriesene Produktion in tiefen Löchern versank.

Eine ähnliche Verwandlung war beim Zürcher „Danton“ von Christoph Marthaler zu beobachten. Keine Spur von Erschlaffung, von grauer Routine, die der Marthaler-Family daheim wohl nicht zu Unrecht nachgesagt werden, da sich in Zürich Marthalers Intendanz dem Ende zuneigt. „Dantons Tod“ mit dem großartig disponierten Robert Hunger-Bühler in der Titelrolle zeigte beim Theatertreffen-Gastspiel im Deutschen Theater eine – melancholische, philosophische – Schärfe, die man bei diesem Regisseur so lange nicht sah, zuletzt in „Kasimir und Karoline“.

Aber auch und vor allem „Onkel Wanja“ vom Bayerischen Staatsschauspiel hat in Berlin Furore gemacht. Barbara Freys Tschechow-Boulevard mit einem glänzenden Ensemble um Rainer Bock, Thomas Holtzmann und natürlich Sunnyi Melles war der Publikumsliebling, bisher. Wie es kommt? Es liegt wohl an dem anderen Ton, der durch diese Aufführungen weht; irgendwie leichter, zarter, weniger angestrengt, als man es vor allem von den Berliner Bühnen kennt.

Heute Abend hat, vom Wiener Burgtheater, „Das Werk“ der Elfriede Jelinek in der Regie von Nicolas Stemann Theatertreffen-Premiere. Auch Stemann hat schon, wie Barbara Frey, wie Christoph Marthaler, wie Jürgen Gosch, dessen Düsseldorfer „Sommergäste“ noch mit Spannung erwartet werden, in Berlin inszeniert, wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg. Wie kommt’s – noch so eine Frage –, dass etliche Regisseure besser sind, wenn sie nicht in Berlin sind, in dieser verwöhnten, entwöhnten Stadt? In einer Woche wissen wir mehr. R. S.

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