Kultur : Hinauf zu den Sternen

Seelenvoll und stimmgewaltig: Tori Amos begeistert im Berliner Tempodrom

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Foto: imago stock&people

Als die Liebe in Trümmern liegt, entdeckt die gequälte Seele, dass sie viel älter ist als gedacht. Dass sie schon einige Runden im Universum gedreht hat, in verschiedenen Gestalten geliebt und gelitten hat. Und dass sich Wunden schließen, wenn man seiner Seele in die Vergangenheit folgt. Tori Amos hat für ihr aktuelles Album „Night Of Hunters“ einen mythologischen Faden gesponnen, der sie über Jahrhunderte zurück auf sich selber wirft, in ein Irland, das von Geistern durchweht ist. Sie wühlen sich durch die Schichten ihres türkisfarbenen Kleides, zausen die roten Haaren, während Kronleuchter verlöschen und Vorhänge ins Violett stürzen.

Die Farben leuchten satt, und der Ton ist ein neuer, alter, als Tori Amos auf Bühne des Tempodroms tippelt und dort von einem Streichquartett im Empfang genommen wird. „Night Of Hunters“ will das fragile Kontinuum der Zeit mit Hilfe der Klassik überwinden. Anleihen aus dem Melodienfundus von Bach über Schubert bis Alkan schlängeln sich durch Amos’ Songs, die sich zu einem Liederzyklus à la Schumann zusammen finden sollen. Solch emphatische Klassikvermittlung findet schnell neue Verbündete. Das Album erscheint bei Deutsche Grammophon, dem Traditionslabel der Klassikstars, auf dem schon Sting und Elvis Costello zu Grenzgängern wurden.

Für Amos, die bei all ihren Wandlungen und Häutungen stets selbst Regie führt, ist das mehr als ein kluger Spielzug im Marketingschach. Wann immer sie sich zu verlieren drohte, die Ekstase oder der Schmerz sie zu überwältigen suchte, fand sie Halt am Klavier. Ihr Bösendörfer ist ein Schiff der Träume, von ihm ist es nur ein kleiner Schritt hin zu intimen Arrangements mit klassischem Instrumentarium. In einem Fetzchen Schubert findet die 48-jährige Schamanin den schwankenden Grund einer nächtlichen Sternenschau.

Die Livekünstlerin Tori Amos belastet sich und ihre ergebenen Fans nicht mit dem Abspulen eines ausgetüftelten Konzeptalbums. „Night Of Hunters“ bleibt mit vier Nummern auf der Playlist mehr Farbfolie als Fundament, doch die Ausstrahlung ist nachhaltig. So konzentriert hat man die Tochter eines Methodisten- Predigers aus North Carolina selten auf der Bühne erlebt, so formbewusst, so stimmgewaltig. Bisweilen verkoppelt sie Balladen derart, dass man ihr glaubt, seit Jahren an einem Musical zu schreiben. Doch dann funkelt „Winter“ auf, und man würde eine Runde durchs Universum drehen, nur um es noch einmal so seelenvoll zu hören. Ulrich Amling

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