Kultur : Hinaus in die Natur

Thomas Senne

Mitte des 19. Jahrhunderts stieg der Strom der Kunstenthusiasten, die in dem kleinen französischen Dörfchen am Wald von Fontainebleau arbeiten wollten, plötzlich an. Die jungen Maler, meist zwischen 21 und 32 Jahre alt, kamen zunächst aus Paris, später aus ganz Europa und wohnten in kleinen Hotels oder engen Herbergen. Statt heroische Sujets zu malen wie in den Akademien, zogen sie lieber mit Stiften, Pinseln und Staffeleien ins Freie. Dort suchten sie ihre Motive, verherrlichten das einfache Landleben mit einem Schuss Sozialromantik und verewigten die "intime Landschaft" in stimmungsvoller Pleinair-Malerei auf Leinwand und Papier - der Rückzug mit Gleichgesinnten in die unberührte Natur als Alternative zur hektischen Metropole.

Die "Schule von Barbizon" ist die erste und wohl bekannteste, die "Mutter" aller Künstlerkolonien. Vor allem ging man nach Barbizon wegen des Gemeinschaftsgefühls: Barbizon war ein Prototyp, für zivilisationsmüde Ästheten aber nur eine von rund 100 derartiger Zufluchtsstätten, die es zu jener Zeit in Europa gab. Auf dem Land lebte man billiger, konnte sich politischen Verfolgungen leichter entziehen oder vor Cholera-Epidemien fliehen, die immer wieder die Städte heimsuchten.

37 derartiger künstlerischer "Landkommunen" zeigt die Ausstellung "Künstlerkolonien in Europa - im Zeichen der Ebene und des Himmels" im Germanischen Nationalmuseum. "Künstlerkolonien" werden dabei als ländliche Lebensgemeinschaften von Künstlern verstanden, ohne jenen theoretischen Überbau, durch den sich städtische Gruppierungen wie etwa der "Blaue Reiter" auszeichneten. Dem europäischen Phänomen der Künstlerflucht aufs Land versucht die Präsentation - das Resultat mehrjähriger Forschungsarbeit sowie eines Symposiums - in 12 Abteilungen gerecht zu werden. Allerdings nicht derart, dass die künstlerischen Biotope einzeln, nacheinander, chronologisch, alphabethisch oder topografisch vorgestellt werden, um dann ihre Eigenheiten, Unterschiede oder Gemeinsamkeiten deutlich werden zu lassen. Sondern dadurch, dass die Werke - egal ob Jugendstil oder Konstruktivismus, Expressionismus oder Impressionismus - nach thematichen Rubriken wie "Tageszeiten-Jahreszeiten", "Religion, Märchen, Mythen", "Leben an der See" oder "Tourismus" sortiert werden.

Da hängt beispielsweise die figurativ-abstrakte "Komposition in Rot" (1905) des Dachauer Kunstkolonisten Adolf Hölzel in friedlicher Koexistenz neben dem Ölgemälde einer bretonischen Bäuerin, das Paul Sérusier von der französischen Kolonie Pont-Aven geschaffen hat. Ein neoimpressionistisches Bild flirrender Heuhaufen befindet sich neben einem expressionistischen Gemälde und einem Aquarell aus dem polnischen Kazimierz, das ein Gebäude im Duktus der Neuen Sachlichkeit zeigt - Stilmischmasch auf engstem Raum. Der Besucher sieht sich mit einer schier erdrückenden Materialfülle konfrontiert, die ihn schnell überfordert: Gemälde und Grafiken, die dicht über- und nebeneinander hängen, Realien in Vitrinen, bemalte Türen, Bücher, Fotografien, Plastiken, Plakate, Inneneinrichtungen, Trachten oder kunsthandwerkliche Objekte.

Man begreift in den zwei Ausstellungshallen zwar schnell, dass Künstler damals europaweit ähnliche Themen bevorzugten, dass sie fasziniert waren von der einfachen Lebensweise der bäuerlichen Bevölkerung, von der ländlichen Umgebung, der "Idylle", vom Meer oder vom Wald - aber die einzelne Künstlerkolonie mit ihren jeweiligen Charakteristiken bleibt bei diesem gesamteuropäischen Potpourri auf der Strecke. Gerne hätte man mehr über einige der hierzulande eher unbekannten Kolonien aus Polen, Norwegen oder Belgien erfahren. So aber muss man für weitere Studien in dem umfangreichen Katalog blättern, um Details zu erfahren.

Von Worpswede mit Heinrich Vogelers "Barkenhoff", dieser "Insel der Schönheit", von Hiddensee und Ahrenshoop bis zum englischen St. Ives reicht das Spektrum, vom schwedischen Varberg bis zum russischen Abramceva, von Dänemark über Finnland, die Niederlande bis hin zu Ungarn. Von Gemeinschaften wie der Darmstädter Mathildenhöhe oder dem Monte Verità gingen einst sogar lebensreformerische Impulse aus. Vegetarismus oder FKK waren im Refugium bei Ascona en vogue. Nur in südlichen Ländern wie Italien oder Griechenland hat die Forschung bis jetzt noch keine Künstlerkolonien ausgemacht. Im allgemeinen, so der momentane Kenntnisstand, sind Künstlerkolonien eher in industrialisierten Ländern zu finden, nicht in Agrarstaaten.

Künstlerkolonien waren aber nicht nur beliebte Aufenthaltsorte für Maler, sondern dienten auch Literaten und Musikern als Inspirationsquelle: In Werken von Rilke, Ibsen und Strindberg oder in Kompositionen von Jean Sibelius und Edvard Grieg haben diese Lebensgemeinschaften einen Niederschlag gefunden. 1923 gründeten einige Künstler sogar eine "Republik Hiddensee", als deren Präsident der mit Gerhard Hauptmann befreundete Komponist Max von Schillings fungierte. Doch das waren nur letzte Blüten eines langsam verblassenden Phänomens. Nach dem Ersten Weltkrieg und mit der zunehmenden Verstädterung verschwanden die Künstlerkolonien von der Bildfläche - die gesellschaftlichen Verhältnisse hatten sich geändert.

Bislang standen vor allem einzelne Kolonien wie Worpswede oder Barbizon bei vergleichbaren Ausstellungen im Mittelpunkt. So ist das Mammutprojekt trotz der Abstriche durchaus begrüßenswert und verdienstvoll. Und nicht zuletzt sind einige wunderbare Gemälde, ja Meisterwerke zu bestaunen: etwa Paul Gauguins "Das Kartoffelfeld" (1890) oder Peder Severin Kroyers "Sommerabend am Strand von Skagen" (1893). Corot, Jawlensky, Millet, Modersohn-Becker, Ferenczy, Pechstein, von Werefkin, Liebermann, Denis und Zorn und viele andere prominente Namen machen die Reise nach Nürnberg lohnenswert - trotz des unbefriedigenden Ausstellungskonzeptes.

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, bis 17. Februar. Katalog 50 DM.

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