Hingehen: Haus Lemke : Rohe-Eier suchen

Osterausflug nach Alt-Hohenschönhausen: Das Haus Lemke in der Villenkolonie am Orankesee wurde von Mies van der Rohe erbaut.

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Radikal avantgardistisch. Das Haus Lemke, hier auf einer winterlichen Aufnahme von 2013.
Radikal avantgardistisch. Das Haus Lemke, hier auf einer winterlichen Aufnahme von 2013.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der rotzige Hinweis „Zu“ ist ja mittlerweile von der Fassade der Neuen Nationalgalerie verschwunden – geschlossen bleibt die architektonische Ikone aber noch mindestens vier Jahre, zwecks Kernsanierung. Durch die Leuchttafel an der Ecke Potsdamer Straße/Reichpietschufer erfahren enttäuschte Touristen, dass sie Kunst des 20. Jahrhunderts derzeit in Charlottenburg sehen können, in der Sammlung Scharf-Gerstenberg nämlich und im Museum Berggruen.

Wer sich dagegen vor allem für das Gebäude und seinen Erbauer Mies van der Rohe interessiert, kann nach Alt-Hohenschönhausen ausweichen. Jottweedee hat Berlin nämlich noch ein zweites Gebäude des Architekten zu bieten. Ein ganz bescheidenes, was die reine Quadratmeterzahl betrifft. Als Baukunstobjekt ist es im vollsten Wortsinn: ein Kleinod.

1932 erhielt Mies den Auftrag des Fabrikantenehepaars Martha und Karl Lemke für ein Eigenheim. 16 000 Mark konnten die beiden nach dem Grundstückskauf für das Haus ausgeben – umgerechnet auf heutige Kaufkraft gerade einmal 61 000 Euro. Mies nahm die Herausforderung an und schuf einen schlichten, l-förmigen Bungalow. Im Frühjahr 1933 konnten die Lemkes ihr Haus beziehen. Es sollte das letzte Projekt des Architekten für private Bauherren in Deutschland werden. 1938 emigrierte er in die USA.

Radikal avantgardistisch erscheint das Flachdach-Haus

Ein schönes Ausflugsziel für den Osterspaziergang ist das "Haus Lemke". Denn es liegt idyllisch, direkt am künstlichen „Obersee“, der zusammen mit dem natürlichen Orankesee die attraktive Kulisse für eine Villenkolonie abgibt. Gerade in der Zusammenschau mit den umgebenden Domizilen wird die Qualität von Mies’ Entwurf deutlich. Radikal avantgardistisch erscheint das Flachdach-Haus im Vergleich mit den stilistisch vielgestaltigen Beispielen aus Vorkriegszeiten rundherum, im besten Sinne klassisch-modern im Kontrast zu dem, was hier nach der Wende errichtet wurde.

Dienstags bis sonntags ist das „Haus Lemke“ jeweils von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen. Erhellender aber ist es natürlich, sich auf der Website für eine der Führungen anzumelden, die jeweils am ersten Sonntag des Monats angeboten werden, die nächste also am 3. April. Wer selber kein Spezialist für Theorie und Praxis der Bauhaus-Bewegung ist, entdeckt dann die Fülle der klug überlegten Details mit Hilfe eines Augen öffnenden Fachmanns. Spannendes erfährt man dann auch über die Nutzungsgeschichte: 1945 konfiszierte die Rote Armee das Haus, ab 1962 missbrauchte es die Stasi als Wäscherei und Spitzel-Kantine. Erst seit 2002 ist es wieder in seiner ursprünglichen Schönheit zu besichtigen.

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