HINGEHEN : Im Bann der Grande Dame

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Das Logo unserer Kolumne "Hingehen".
Das Logo unserer Kolumne "Hingehen".Foto: Tagesspiegel

Wie? So klein. Das müsste doch groß wie eine Fototapete sein. Eine weltberühmte Ikone der Kunstfotografie wie diese. Im Kopf ist das Original so riesig gewesen. Obwohl, in dieser Pi mal Daumen geschätzt eher einem A-4-Format entsprechenden Größe macht die aparte Dunkelhaarige an der Druckerpresse auch ganz schön was her. Man muss nur näher rangehen. So nah wie früher, mit 15, als diese zufällig in irgendeinem Postkartenständer entdeckte Abbildung mal für ein paar Monate die angesagte Lieblingskunstpostkarte war, massenhaft an Freunde und vor allem Freundinnen verschickt. Da hat sie im noch kleineren Format schon dieselbe Faszination, dieselbe Anziehungskraft gehabt. Erst den Blick auf den weichen, mit Druckerschwärze gekennzeichneten Leib an der kalten Maschine gezogen, um ihn über die elegant geschwungene Nackenlinie auf den kühnen Kopf einer schönen Eigensinnigen zu lenken.

Nur noch heute, nur noch morgen – länger ist sie nicht mehr im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Bis Montag läuft hier die im August eröffnete und bereits verlängerte fulminante Retrospektive zum 100. Geburtstag der gebürtigen Berlinerin Meret Oppenheim. Das ausgerechnet dieses Porträt aus Man Rays in Oppenheims Pariser Zeit 1933 aufgenommener und „Erotique voilée“ betitelter Fotoserie der Grund ist, sich die Werkschau der Grande Dame der Gender-Kunst anzusehen, wäre ihr selbst vermutlich schwer auf den Keks gegangen. Zeitlebens hat sich die Rebellin dagegen gewehrt, Projektionsfläche voyeuristischer Fantasien zu sein und ausschließlich mit dieser Aktaufnahme identifiziert zu werden. In der mit Gemälden, schriftlichen Selbstzeugnissen und Objekten aus dem viele Jahrzehnte umfassenden Schaffen der 1985 in Basel verstorbenen Kunstschamanin reich beschickten Schau ist es denn auch ein betont zurückhaltend präsentierter Mosaikstein. Aber was für einer: geheimnisvoll, glühend, selten hat ein Steinchen solch einen Sog.

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