Hingehen: Kunstraum Kreuzberg : Schrecklich schöne Schauder

Wiederkehr der surrealistischen Ästhetik: Im Kunstraum Kreuzberg findet die schöne Schau "Kollision. Im Labyrinth der unheimlichen Zufälle" statt.

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Kunstwerk "cut #21" (2005) von Heidi Sill
"cut #21" (2005) von Heidi SillFoto: Heidi Sill

Der Surrealismus geht schon lange um. Eigentlich ist er nie verschwunden, seit André Breton und Guillaume Apollinaire ihn in den Zwanzigern in Paris erfunden haben. Die Strategien, die Max Ernst so meisterhaft mit seinen Collagen zelebrierte, sind noch heute ein Quell der Bildfindung: die Konfrontation verschiedener Wirklichkeiten in einem Bild, die Kombination einander fremder Gegenstände in der Skulptur. Alle paar Jahre ploppt die Methode wieder deutlicher auf. Die beiden Kuratorinnen Marie-José Ourtilane und Conny Becker sind der Spur noch einmal nachgegangen und haben knapp zwei Dutzend internationale Künstler aufgetan, in deren Werk sie eine Wiederkehr der surrealistischen Ästhetik entdecken konnten.

Kollision. Im Labyrinth der unheimlichen Zufälle“ lautet der Titel ihrer schönen Schau im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien (Mariannenplatz 2, bis 26. Juni, tägl. 11 – 20 Uhr). Wunderbare Arbeiten haben sie darin versammelt, Bizarrerien, Schauderlichkeiten, denen doch der Sinn für das schrecklich Schöne gemeinsam ist. So zeigt Tatiana Echeverren Fernandez „Elemente der Toxikologie“, in denen sie gewöhnliche Fruchtnetze aus dem Supermarkt in feinste Metallstrukturen verwebt. Ein bedrohliches Szenario, das sich auf Soundebene auch bei Jérôme Porets „Light-Space-Ideomator“ wiederholt, einer Projektion, bei der es gefährlich grummelt, geheimnisvoll gewittert. Irgendwann meint man ein gespenstisches Gesicht auf der Leinwand zu sehen.

Theaterstück im Kopf des Betrachters

Am deutlichsten hat die Berliner Künstlerin Heidi Sill das Erbe der Surrealisten mit ihren Collagen angetreten, die separiert in einem tief violett ausgemalten Kabinett hängen. Wie die Alten trennt sie mit dem Skalpell ganze Seiten aus Modemagazinen und fügt daraus separierte Elemente wie auf einer Bühne zu völlig neuen, abstrusen Wirklichkeiten zusammen. Diese Reibung lässt jenen Funken Poesie überspringen, von dem auch Max Ernst sprach. Das dazugehörige Theaterstück spielt im Kopf des Betrachters.

"serdil tosheadesudpriglead in custom" von Ivan Seal (2012)
"serdil tosheadesudpriglead in custom" von Ivan Seal (2012)Foto: Ivan Seal

Für prosaischere Gemüter kreuzen sich die Realitäten bereits beim Blick durch das Fenster – nach draußen auf die sprießenden Beete von „Ton, Steine, Gärten“, dem „Urban Gardening“-Projekt am Mariannenplatz. Kaffee wird dort ausgeschenkt, Musik weht herein. Eigentlich hatten die Kuratorinnen eine stärkere Verinnerlichung der Künstler konstatiert. In Kreuzberg geht es zum Glück nie ohne das Draußen.

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