Hingehen: Peter Kees' Arkadische Landnahmen : Ein Quadratmeter Glück

Das Paradies auf Erden? Ist gar nicht schwer zu finden. Einfach selbst abstecken, wie es Konzeptkünstler Peter Kees bei seinen Kunstaktionen macht.

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Besetzte Schweiz. Ein arkadischer Quadratmeter am Ächelipass im Kanton Obwalden. Foto: Peter Kees
Besetzte Schweiz. Ein arkadischer Quadratmeter am Ächelipass im Kanton Obwalden.Foto: Peter Kees

Arkadien hat eine prima Aussicht. Auf weiß bepuderte Gipfel, die sich am Horizont erheben. Auf einen See, der sich anmutig in die Talsenke schmiegt. Das reinste Alpen-Idyll. Dagegen sind die landschaftlichen Attraktionen im Paradies selbst überraschend übersichtlich. Auch Milch und Honig werden nicht gereicht. Der mythische Ort ist ein schütter begrünter Seitenstreifen, ein viereckiges Stückchen Schweiz, gelegen am Ächerlipass im Kanton Obwalden.

Hier hat der Berliner Konzeptkünstler Peter Kees 2013 einen „arkadischen Quadratmeter“ okkupiert und mit vier roten Stangen und vier grauen Grenzsteinen markiert. Eine nicht ganz ironiefreie Aktion, die bei den überaus korrekten Eidgenossen doch tatsächlich zu allerlei Aufregung führte. Sogar ein Staatsrechtler trat auf den Plan, um zu klären, ob die Besetzung zu staats- und völkerrechtlichen Konsequenzen führe. Immerhin: In Ketten gelegt wurde der selbst ernannte „arkadische Botschafter“ nicht. Davon zeugen Peter Kees’ "Arkadische Landnahmen", die in der kommunalen Galerie Weißer Elefant zu sehen sind.

Gleich am Eingang dokumentiert eine Europakarte mit vielen roten Punkten, die mit Längen- und Breitengraden bezeichnet sind, wo es Peter Kees auf seiner rastlosen Suche nach einem Hort der Glückseligkeit in den vergangenen drei Jahren überall hingetrieben hat. Griechenland, Finnland, Tschechien, Italien – Arkadien kann überall sein. Nur nicht in der Türkei. Ein Video dokumentiert die gescheiterte Übergabe der für das Abstecken eines arkadischen Quadratmeters nötigen Stöcke und Steine. Das Münchner Generalkonsulat der Türkei reagiert frostig, als Kees im Juli 2016 deswegen an die Pforte klopft und erteilt dem in paradiesisches Weiß gewandeten Botschafter sicherheitshalber einen Platzverweis. Offenbar sehen die Türken in der Aktion keine künstlerische Intervention, sondern eine wüste Fopperei.

Ein Gegenentwurf zur Verderbtheit der Zivilisation

Dieser sympathische Gedanke stellt sich auch in Berlin beim Betrachten der Fotos besetzter Quadratmeter, verschiedenfarbiger, jeweils dort entnommener Erdproben und arkadischer Visa ein, die der Botschafter gegen eine kleine Bearbeitungsgebühr abgibt. Doch der Flöte spielende Pan, der auf dem Visum prangt, erzählt – ebenso wie die kleine „arkadische Bibliothek“, in der man wie im Schäferidyll auf Fellen liegend schmökern kann – von der ehrwürdigen, bis in die Antike zurückreichenden kulturgeschichtlichen Tradition dieser Vision.

„Mein Arkadien ist ein poetischer Gegenentwurf zur Verderbtheit der Zivilisation“, lässt der verspielte Herr Kees, der auch schon mal eine unscheinbare Bäckerei in Prenzlauer Berg zum Kunstwerk erklärt hat, in allem Ernst vernehmen. Der Glaube an idealisierte Landschafts- und Lebensvorstellungen habe geistesgeschichtlich, sozial und politisch durch die Jahrhunderte starke Impulse gesetzt. Stimmt. Und solange die Welt in diesem heillosen Zustand ist, gilt: Sie kann jeden arkadischen Quadratmeter brauchen.

Galerie Weißer Elefant, Auguststraße 7, Mitte, bis 4. Februar, Di–Fr 11–19 Uhr, Sa 13–19 Uhr

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