Hingehen: William Kentrigde im Martin-Gropius-Bau : Ein kosmisches Kribbeln

Filmemacher, Theatermann, Zeichner: William Kentridge Kunst kennt keine starren Kategorien. Seine große Schau im Martin-Gropius-Bau ist noch diese Woche zu sehen. Wir empfehlen: Hingehen!

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Der Künstler aus Südafrika ist mit seinen animierten Kohlezeichnungen bekannt geworden.
Der Künstler aus Südafrika ist mit seinen animierten Kohlezeichnungen bekannt geworden.Foto: Marc Shoul

Ist er ein Filmemacher? Ein Bildhauer? Ein Theatermann, Schriftsteller oder Zeichner? In welcher Epoche hat er gelebt? Vor vier Jahren war seine Rauminstallation „The Refusal of Time“ auf der Documenta in Kassel zu sehen, jetzt steht man da im Gropius-Bau und staunt. Und versteht, dass dieser Künstler bei der Hauptarbeit aller Künste ein wenig weiter gekommen ist als andere, in welchen Genres auch immer. Sich der Zeit verweigern, sie aufheben – darin ist William Kentridge ein Meister. Über den Sommer waren seine Werke in Berlin zu erleben. Beim Festival „Foreign Affairs“ ist er selbst aufgetreten: Kentridge kann auch großartig mit Sprache umgehen.

Die von Wulf Herzogenrath entworfene Ausstellung im Gropius-Bau geht jetzt in ihre letzte Woche (bis 21. August), man darf sie wirklich nicht verpassen. Der Südafrikaner war zuvor kaum je in Berlin präsent. Seine Filmarbeiten erinnern an die frühe Zeit des Mediums, an den französischen Kinopionier George Méliès, in seinen Zeichnungen korrespondiert er mit Dürer oder Goya, er liebt das Buch als Artefakt, als magisches Objekt.

Die raumfüllende Installation "More Sweetly Play The Dance" war 2012 auch auf der documenta zu sehen.
Die raumfüllende Installation "More Sweetly Play The Dance" war 2012 auch auf der documenta zu sehen.Foto: William Kentrigde

„No it is!“, so heißt die Schau, und das ist, hat er erzählt, eine südafrikanische Redensart, ungefähr so, wie man bei uns sagt: Nein, die Kentridge-Ausstellung hat mir wirklich sehr gut gefallen ...

Und das ist ja das Mindeste, was man sagen kann. Bei Kentridge flackert die Zeit, verbreitet sich ein Gefühl der Unruhe und Unsicherheit, eine Art kosmisches Kribbeln. Nicht nur in dem Ameisenfilm. Da ziehen Menschen in langer Prozession, Schattengestalten, über die Wand, eine Begräbnisszene, getragene Musik, oder sind es Menschen, die vor etwas fliehen, die der Sturm des Fortschritts, wie bei Paul Klees „Engel“, wegtreibt? Man kann Kentridges Kunst politisch verstehen, in einem philosophischen Sinn. Das macht sie nicht kleiner.

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