Kultur : Hingucken, bis der Arzt kommt

Welt voller Gewalt: Eine Ausstellung zeigt die raffinierten Inszenierungen des US-Fotografen James Higginson

Franziska Richter

Die Mutter tot, der Geliebte misshandelt, der Sohn erschossen: Die Fotostories der Serie „Portraits of Violence“ (POV) gehen alle schlecht aus. Wie kleine Theaterstücke inszeniert James Higginson häusliche Gewalt – ums bloße Schockieren geht es ihm dabei aber nicht. „Ich möchte Fragen stellen“, sagt der 1957 in Pennsylvania geborene Künstler, „und die stille Scham aufbrechen. Denn über dieses Thema wird immer noch nicht gesprochen.“ Higginson weiß, wovon er redet. Und dann erzählt er von der eigenen Familie, bleibt dabei distanziert, lässt sich hinter der mächtigen, schwarzen Hornbrille keine persönliche Betroffenheit anmerken. „Es war bei der Beerdigung meines Vaters. Da kam heraus, dass es auch in unserer Familie Gewalt gab: Mein Großvater hatte meine schwangere Großmutter derart verprügelt, dass sie das Kind verlor. Für meine Familie habe ich dann beschlossen, das dieses Schweigen ein Ende haben muss.“ Entschlossener kann einer wohl kaum klingen.

Seine Offenheit hatte Folgen: Freunde und Bekannte kamen auf Higginson zu und erzählten von ihren Erlebnissen. Einige der Fotostories geben aber auch Ereignisse wieder, die er selbst erlebt hat. Dass er dann zur Kamera statt zum Pinsel griff, war nicht geplant: „Ich merkte, dass ich Gewalt nicht malen konnte. Freunde fragten mich: Wieso fotografierst du nicht? Und dann kam mir die Idee mit der Bühnenfotografie.“ Ablauf, Requisite, der Moment, wenn er auf den Auslöser drücken muss – bis ins letzte Detail hat Higginson seine Geschichten durchdacht. Was aber bedeuten zum Beispiel die Hunde auf dem Boden in „Insoluble“ (Unlösbar), der Geschichte eines lesbischen Glamourpärchens, das so heftig aneinander gerät, dass die eine der anderen – in Anlehnung an eine deutsche Redensart – das Ohr abkaut? „Die Hunde symbolisieren Ying und Yang. Auf dem Kissen links im Bild erkennt man zwei kämpfende Elefanten. Es stehen Preise herum, die den individuellen Erfolg der beiden außerhalb der Beziehung symbolisieren. Dann das letzte Bild: Man sieht eine der Frauen am Telefon – wählt sie den Notruf? Immerhin hatte sie genug Zeit, einen Joint zu rauchen. Der liegt neben dem abgebissenen Ohr auf dem Tisch. Und dann ist da noch die Zeitschrift, die das Paar zeigt – glücklich und ausgelassen.“

Es ist dieses Spiel mit Realität und Fiktion, das an Higginsons Fotoserien fasziniert. In „The Story of Farrah“ erschießt ein junges Mädchen sich und seine Mutter. Vor der Tat liest das Mädchen in einem Magazin, die aufgeschlagene Seite zeigt einen Artikel mit dem Titel: „Bizarre Daughter-Mother Suicide-Murder“ (Bizarrer Tochter-Mutter Suizid-Mord). Was ist real? Im Hintergrund hängt das Filmplakat von „Pulp Fiction“ – doch nur die zweite Hälfte des Titels ist zu erkennen. Gleichzeitig schockiert diese Kühle der perfekt gestylten Szenen, die Higginson ähnlich amerikanischen Short Stories inszeniert. Seine Erfahrungen aus Film, Fernsehen und Werbebranche kommen ihm sicher zu gute. Spannend auch: Higginsons Umgang mit Blut. Er setzt es nicht ein, um den letzten Beweis für die Gewalt zu liefern. In einigen der Serien verzichtet er sogar vollständig auf Blut, obwohl die Handlung es fordern würde. „Wenn ich Blut benutze, dann nur in Situationen, in denen die Farbe Rot eine Rolle spielt,“ erklärt Higginson. „Dann übersättige ich die Farbe, so dass eine Hyperrealität entsteht.“ Die Szenen in „Insoluble“ sind in ein solches Rot getaucht.

Seine erste Kamera bekam Higginson von seinem Vater, als er sechs Jahre alt war. Das war der Anfang: Er fotografierte, was ihm vor die Linse kam. Sein erstes Foto? Bruder und Schwester vor einem Baum. Nach einer Karriere als Künstler sah das allerdings nicht aus, wie auch, wenn die Familie anderes mit einem vorhat. Die nämlich – alle „Businessmen“ – drängte ihn, etwas „Ernsthaftes“ zu lernen. Also studierte er Biologie. „Ich habe es wirklich versucht,“ sagt Higginson rückblickend, „als ich mich dann aber bei einer Kunsthochschule bewarb und genommen wurde, wusste ich: Das ist mein Leben.“ Higginson gab seinen Job in der Forschung auf und zog nach Kalifornien.

Im Studium am „Art Center College of Design“ in Pasadena fing er von vorne an, merkte schnell, dass die realistische Malerei nichts für ihn war: „Ich wollte das darstellen, was hinter den Dingen steht, und versuchen, das Universale durch meine eigenen Erfahrungen zu umschreiben.“ Das Ergebnis sind abstrakte Serien wie „Soul“: In kleinen Puzzleteilen tummelt sich da die Seele auf einem Hintergrund, der dem Betrachter mal als gelber Fluchtpunkt entgegenspringt („search 1“), mal in schmutzigem Graubraun mit dem an den linken Bildrand verschobenen, zellartigen Haufen verschmilzt („breath“). Ein Aufeinanderprallen von Biologie und Kunst? „Ich habe diese Verbindung zunächst nicht gesehen“, gibt Higginson zu, der seit nunmehr 20 Jahren in Los Angeles lebt. Inzwischen aber wisse er, dass seine Kunstwerke gleichzeitig ein Experiment seien – mit These, Untersuchung, Konklusion.

Doch schüttelt er in den POV die logische Reihenfolge der Geschehnisse durcheinander, macht er mit der Konklusion auf, stellt die These in die Mitte. Einzige Regelmäßigkeit sind die Porträts der Protagonisten, die den Betrachter nach der ersten Begegnung mit der Handlung in unschuldiger Weise anschauen und verzweifelt versuchen, das Geschehene zu verbergen. Spricht man ihn auf die Reaktionen in seiner Familie an, wird er plötzlich nachdenklich: „Einige unterstützen mich, andere sind gar nicht happy.“ Ebenso gegensätzlich reagierten Besucher der Ausstellungen in den USA, wo er schon eine kleine Auswahl der POV zeigte: „Zum selben Bild lachen die einen und schreien die anderen. Genau das wirft die Frage nach unserer Einstellung zu Gewalt auf.“ Umso mehr scheint sich der überzeugte Berlin-Fan, der mehrere Monate im Jahr in der Stadt lebt und arbeitet, auf die Reaktionen in Deutschland zu freuen: „Ich denke, dass die Menschen hier interessierter und offener sind.“

Das Foto-Zentrum „C/O Berlin“ zeigt eine weitere Fotoserie des Amerikaners. Unter dem Titel „Mendings“ (Instandsetzungen) kehrt Higginson zurück auf abstraktes Terrain: Er fotografierte sorgfältig zerteilte Birnen, die anschließend eher lieblos mit dickem schwarzem Faden zusammengenäht wurden. „Ich dachte an einen Bekannten, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, und daran, wie die Verwandten nun zusammenhalten müssen – auch emotional.“ Die auf riesige Leinwände gedruckten Früchte gleichen Überlebenden individueller Erfahrungen.

Higginson ist ein Optimist.

C/O Berlin, Linienstraße 144 (Mitte), bis 2. November, täglich 11-19 Uhr.

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