Kultur : Hingucken!

Regisseur Detlev Buck über Kiez-Ghettos, Sprachgrenzen und die Mafia

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Herr Buck, Schauplatz Ihres Films ist der traditionell prollige Berliner Stadtteil Neukölln. Warum Neukölln?

Ich finde Neukölln sehr lebendig, weil da so viele Nationen nebeneinander leben – nicht nur Türken wie in Kreuzberg, sondern eben alle: Serben, Kroaten, Bosnier, Russen, Thailänder, Chinesen, sogar Inder sind viele da. Aber Neukölln ist kein Ghetto. Sondern ein Ort, an dem alles zusammenclasht, und dadurch ergeben sich natürlich Schwierigkeiten.

Befürchten Sie nicht, dass viele Ihren Film, in dem türkische Gangs die Schüler tyrannisieren, übertrieben finden werden?

Wir hatten eine Vorführung des Films mit dem Neuköllner Bürgermeister und einem Grünen-Politiker (Tsp. vom 10. Februar), und der Grüne sagte: „Es ist aber nicht so“, und dann sagte der Fotograf: „Mein Sohn ist mit 15 auch schon zusammengeschlagen worden“. Ich will, dass man akzeptiert, dass durch die vielen unterschiedlichen Nationen Problematiken entstehen. Für mich ist das auch ein Film über Familie. Ein Jugendlicher aus einer arabischen Familie kriegt vielleicht nicht auf die Fresse, weil die 200 Mitglieder hat, aber der Sohn einer allein erziehenden Mutter natürlich. Da hat sich gesellschaftlich viel verändert. Ich will das nicht dramatisieren, aber man muss sich damit auseinander setzen. Viele Leute haben gesagt, die Darstellung sei übertrieben, aber die schlafen komplett, die gucken einfach nicht hin. Die Haltung „Das ist nicht so“ oder „Das ist bei uns zum Glück nicht so“ geht einfach nicht.

Gab es auch andere Reaktionen? Wie sieht es mit Jugendlichen aus dem Milieu aus?

Wir haben Sneak-Previews mit türkischen Jugendlichen in Marburg gemacht, die haben gesagt, das ist ein cooler Film, weil das etwas ist, was sie anspricht. Die sagen auch: „Ich war auch schon mal in Neukölln“, nicht: „Ich war schon mal in Berlin“, was ich sehr lustig fand. Wenn man genau hinguckt, kippt das Neukölln-Image gerade um. Das ist einfach lebendiger als Ecken, wo keine jungen Leute sind. Außerdem sagen die ja nicht: „Ich hab keinen Bock auf Deutschland.“ Die sagen zwar: „Klar, da wird abgezogen“, aber eher sind sie doch darauf stolz.

Und die „Topfschlagen“-Szene, wo Polischka gefesselt und mit einem Blecheimer auf dem Kopf auf einem Stuhl sitzt und darauf wartet, von Erols Baseballschläger getroffen zu werden: Ist die auch aus der Wirklichkeit nachgestellt?

Nein, die haben wir uns ausgedacht. Ich wollte eine extrem gewalttätige Szene drehen. Erst haben wir an irgendwas in der S-Bahn gedacht, aber da darf man keine Gewaltszenen drehen, das schadet ja dem Ansehen. Also haben wir das Kindergeburtstagsspiel pervertiert.

Und wenn das jetzt bestimmte Zuschauer

anregt, das real nachzuspielen?

Die Gefahr besteht grundsätzlich immer, wenn man Filme macht. Aber ich glaube nicht, dass man „Knallhart“ als Lehrfilm missversteht.

Die viel strapazierte deutsche Leitkultur dagegen kommt in Ihrem Film kaum vor. Gerade wird heftig darüber diskutiert, dass eine Berliner Schule sich zur Pflicht gemacht hat, dass alle auf dem Schulgelände Deutsch sprechen.

Ich verstehe ja, dass die Lehrer Deutsch sprechen und auf Deutsch unterrichten müssen, sonst kann gar kein Unterricht mehr stattfinden. Das finde ich selbstverständlich, wir sind ja in einem deutschen Kulturkreis. Aber in jeder Großstadt leben die unterschiedlichsten Nationen, sonst wäre das keine Großstadt. Obwohl es das inzwischen selbst in der Kleinstadt gibt. In der Schule, auf die meine Tochter geht, sind sehr viele Russen.

Sie haben zum ersten Mal ein fremdes Drehbuch verfilmt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe Szenen aus dem Roman von Gregor Tessnow umgeschrieben oder dazugenommen. Das betraf vor allem die Szenen mit Erol. Ich wollte, dass der nicht so eindeutig der bad guy ist. Er sollte eine Backstory kriegen, er ist eigentlich ganz lieb, wenn er gerade mal nicht testosterongeleitet ist. Er ist Vater von Zwillingen. Und wenn er Polischka mit dem Kinderwagen begegnet, ist das eine ganz feine Begegnung. Das stand nicht im Drehbuch.

David Kross, der Darsteller des Polischka, hat eine besonders schwierige Szene zum Schluss, wenn er Erol umbringen muss, um seinem Chef Hamal Respekt zu beweisen.

Viele Jugendliche, die wir gecastet haben, haben die Schusswaffe genommen und abgedrückt, David hat sie genommen wie ein heißes Eisen. Beim Drehen hat er ständig Nasenbluten gehabt, aber er wollte die Rolle unbedingt. „Knallhart“ lag ihm, weil er in Bargteheide, wo er lebt, ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Der Film erzählt von Regeln in sozialen Gefügen. Zum Beispiel wird Polischka von Hamal mit nach Hause in dessen arabische Familie genommen und muss die Schuhe ausziehen, begreift aber erst nicht, dass das nicht eine neue Demütigung, sondern ein Ritual ist.

Da haben wir ewig drüber diskutiert und uns auch beraten lassen. Zum Essen eingeladen zu werden, ist eine große Ehre, und da zieht man selbstverständlich die Schuhe aus. Ein Polizist hat mir gesagt, wenn man jemanden aus dem arabischen Kulturkreis demütigen will, der verdächtig ist, dann geht man mit Schäferhund und Straßenschuhen rein und durchsucht die Bude. Dann hat man so was wie Ego-Brechung.

Der Film ist auch ein sehr akribisches Protokoll der Gangstergesten und -riten. Wo haben Sie das beobachtet?

Ich habe mal über die russische Mafia recherchiert und war mit Mafiosi essen. Da hat mich einer der Bodyguards die ganze Zeit bewegungslos angestarrt, stundenlang. Es geht auch immer um Attitüden, große Gesten. Ich hatte gesagt, dass ich alle einladen wollte, hatte aber dann nur 3000 Dollar dabei, und das reichte nicht. Macht nichts, sagten die dann, nächstes Mal eben. Die Geste zählte halt.

Berlins „Herz-mit-Schnauze“-Klischee haben Sie in „Knallhart“ ganz weggelassen.

Ach, das gibt es doch gar nicht mehr, vielleicht noch in kleinen Kneipen. Aber das klassische West-Berliner Charlottenburg ist doch drin: Wenn Polischkas Mutter versucht, wieder einen Mann mit Geld zu finden, sitzt sie im Café Kranzler und läuft nicht etwa in Neukölln auf und ab. Aber sie merkt, dass die 50-jährigen Männer schon mit 20-Jährigen rumlaufen – und steht dann vor dem Botox-to-go-Laden, den es tatsächlich gibt. Das ist das klassische Berlin: Es ist älter geworden.

Interview: Daniela Sannwald

DETLEV BUCK ,

geboren 1962 in Bad Segeberg, drehte mit 21 seinen ersten Film „Erst die Arbeit und dann“. Weitere Filme: „Karniggels“, „Wir

können auch anders“, „Männerpension“

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