Kultur : Hinrichtung McVeighs: Im Angesicht des Todes

Malte Lehming

Mindestens fünf der Argumente gegen die Todesstrafe treffen auf den Fall Timothy McVeigh nicht zu. Deshalb wollen etwa 80 Prozent der Amerikaner, dass er stirbt. Es gibt, erstens, an seiner Schuld keinen Zweifel. Der 33-jährige "amerikanische Terrorist" hat zugegeben, die Tat verübt zu haben. Auch das FBI-Material, das kurz vor dem auf den 16. Mai angesetzten Termin überraschend auftauchte und die Verschiebung auf diesen Montag notwendig machte, enthält kein Indiz darauf, dass McVeigh vor sechs Jahren die Bombe in Oklahoma City nicht gezündet und 168 Menschen getötet hat.

Der mit Orden ausgezeichnete Golfkriegsveteran ist, zweitens, gut vertreten worden. Seine Anwälte sind nicht, wie es manchmal passiert, während der Verhandlung eingeschlafen, sondern wurden von der US-Bundesregierung mit Hunderttausenden von Dollar dafür bezahlt, McVeigh ordentlich zu verteidigen. Drittens ist er Weißer. Schwarze und Mitglieder anderer Minderheiten werden überproportional oft hingerichtet, was regelmäßig zum Vorwurf des Rassismus gegen die US-Justiz führt.

McVeigh ist, viertens, weder geistig behindert, noch hat er sein Verbrechen als Minderjähriger begangen. In beiden Fällen wird in einigen Staaten in den USA bis heute die Todesstrafe vollstreckt. Allerdings hat das Oberste Gericht im März beschlossen, die Rechtmäßigkeit der Exekution von geistig Behinderten erneut zu überprüfen. Im Jahre 1989 hatte das Gericht mit fünf zu vier Stimmen geurteilt, diese Praxis sei nicht unbedingt verfassungswidrig, weil es im Lande keinen Konsens darüber gibt.

Inzwischen allerdings dürfen in zwölf der 37 Staaten, die die Todesstrafe anwenden, geistig Behinderte nicht mehr hingerichtet werden. In einigen weiteren wird über ein entsprechendes Moratorium abgestimmt. Auch die Praxis, Verbrecher zu töten, die minderjährig waren wird in Amerika zunehmend kritisiert.

Bleibt, fünftens, die Tat selbst. Es gibt keinen mildernden Umstand, den McVeigh geltend machen könnte. Kaltblütig und gezielt hat er 168 Menschen ermordet. Es war der schlimmste terroristische Akt, der je in Amerika verübt wurde. Noch Monate später hatten die Ärzte nicht alle gefundenen Körperteile den Opfern zuordnen können. Die 19 Kinder, die ums Leben kamen, bezeichnete McVeigh als "Kollateralschaden" in seinem Kampf gegen die Bundesbehörden. Auch kurz vor der Hinrichtung hat er sich nicht entschuldigt oder Reue gezeigt, sondern die Tat erneut verteidigt.

Aus all diesen Gründen standen die Gegner der Todesstrafe vor einem Problem. Die eine Fraktion hielt es für verkehrt, gegen die Hinrichtung zu protestieren, weil die Argumente zu dürftig seien. Die andere Fraktion meinte, man müsse die Medien-Aufmerksamkeit in diesem Fall nutzen und die Todesstrafe grundsätzlich ablehnen.

Das tut verstärkt auch die katholische Kirche. Vor zwei Jahren hat Papst Johannes Paul II. in St. Louis das Töten von Menschen selbst dann verboten, "wenn jemand ein großes Unrecht begangen hat", und er hat leidenschaftlich für ein Ende der Todesstrafe plädiert. Seitdem verdammen seine Bischöfe die Todesstrafe in einem Atemzug mit der Abtreibung als Teil einer "Kultur des Todes". 1997 bereits hatten 1700 amerikanische Glaubensorganisationen einen Aufruf unterzeichnet, um für ein Moratorium zu werben. Und im selben Jahr hat Rabbiner Eric Yoffie, der Präsident der "Hebrew Congregations", vor einer Versammlung von 5000 Reformjuden dazu aufgerufen, der "legalisierten Tötung ein Ende zu bereiten". So etwas bleibt in den USA nicht ohne Wirkung.

Die meisten Evangelikalen dagegen unterstützen die Todesstrafe. Allerdings sind einige von ihnen 1998 verunsichert worden. Damals wurde in Texas Karla Faye Tucker hingerichtet, die im Gefängnis zu einer überzeugten Christin bekehrt worden war. "Ihre Tötung war falsch", sagt der Sprecher der Vereinigung der Evangelikalen. "Und sie hat einen nachhaltigen Eindruck bei vielen von unseren Mitgliedern hinterlassen." Eine Reihe von ihnen zweifelt seitdem daran, ob die Todesstrafe noch ihren Zweck erfüllt. Schon Martin Luther King hatte festgestellt, dass die Befolgung des Auge-um-Auge-Prinzips die ganze Welt blind machen müsste.

Warum hält Amerika trotzdem an der Todesstrafe fest? Diese Frage wird vor allem in Europa gestellt. Ein Großteil der Ablehnung, die US-Präsident Bush dort erfährt, hat mit seinem Ruf zu tun, als Gouverneur in Texas für die meisten Exekutionen verantwortlich gewesen zu sein. Dass die Todesstrafe abschreckt, glaubt die US-Mehrheit nicht. Die Rechtfertigung wird aus der Überzeugung abgeleitet, durch die Tötung eines Mörders falle es den Hinterbliebenen leichter, mit dem Verlust fertig zu werden. Die extremste Form des Schmerzes lasse sich nur durch die extremste Form der Bestrafung ausgleichen.

Man kann das Gerechtigkeitsgefühl, das dieser Vorstellung zugrunde liegt, archaisch nennen. Weil aber die US-Justiz generell Gerechtigkeitsempfindungen stärker berücksichtigt als etwa das deutsche Gelehrtenrecht, ist es schwer, diese Praxis zu ändern. Außerdem berufen sich die Anhänger der Todesstrafe gerne auf John Stuart Mill, den englischen Vordenker der bürgerlichen Freiheiten. Die Todesstrafe unterstreiche "unsere Wertschätzung für das Leben", hatte dieser 1859 in seinem Essay "On Liberty" geschrieben. Denn jeder, der dieses Recht verletze, habe es für sich selber verwirkt.

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