Kultur : Hinter dem Horizont geht’s weiter

Neuberliner auf dem Absprung: Die kühl-sachlichen Bilder des jungen Malers Tim Eitel sorgen für Aufsehen

Katrin Wittneven

Zweimetersechzig – das sind die höchsten Leinwände, die im Atelier von Tim Eitel gerade noch Platz finden. Aber nur, wenn sie leicht schräg gestellt werden. Gleich zwei dieser Höchstformate lehnen in dem ehemaligen Kindergarten in Berlin-Mitte an den Wänden, in dem der Maler zusammen mit anderen Künstlern sein Atelier eingerichtet hat. Keine romantisch chaotische Geniewerkstatt, auch kein kühl-sachliches Büro, in dem Projekte geplant würden, vielmehr ein schlicht strukturierter Arbeitsraum. Farben und Hunderte von Pinseln stehen sorgsam in Gläsern, in kleineres Bild an der gegenüberliegenden Wand, vier ganz kleine warten an der Seite auf ihre Vollendung. Sie alle zeigen Menschen – meist von hinten – in Kunstausstellungen, in die Natur oder in architektonische Kulissen hineininszeniert, in sich gekehrt oder ins Gespräch vertiefte Gestalten.

Er arbeite immer an mehreren Bildern gleichzeitig, erzählt Eitel, das ermögliche den nötigen Abstand zwischendurch. Manchmal braucht er zwei Wochen, manchmal ein halbes Jahr, bis er die Arbeit an einem Bild beendet. Aus den Händen gibt er es erst, wenn er mit der Atmosphäre endgültig zufrieden ist, die alle seine Bilder ausmacht: klar, kühl, konzentriert. Diese Stimmung ist es, die seine Werke aus der immer wieder unüberschaubaren Produktivität der aktuellen Malerei hervorstechen lässt – aber auch die kunstbeflissenen Schlaumeier auf den Plan ruft. Haben sie die Bilder anfangs mit der stillen Melancholie eines Edward Hopper verglichen, wurde bald die dekorative Flächigkeit von David Hockney ins Spiel gebracht. Heute ist es die coole Künstlichkeit der Gemälde von Alex Katz, die Betrachter in dem noch jungen Werk des 1971 geborenen Eitel wiederzufinden glauben. Dabei setzt dieser sich kaum mit Malerei jüngeren Datums auseinander. Stattdessen stehen im Atelier die dicken Hochglanzbände über Velazquez, Ingres oder van Dyck im Regal.

„In der Malerei bieten mir Zeitgenossen wenig Anregung“, sagt der 32-jährige, aus Leonberg stammende, Maler selbstbewusst, aber ohne eine Spur von Überheblichkeit. Aufgewachsen in Stuttgart, fing Eitel zunächst ein Studium der Romanistik, Philosophie und Germanistik an, bevor er sich für die Kunst entschied. Er begann 1994 in Halle zu studieren und wechselte 1997 nach Leipzig, wo er vor zwei Jahren als Meisterschüler von Arno Rink das Studium abschloss. Für ein Atelierstipendium im Künstlerhaus Bethanien kam er im letzten Jahr nach Berlin und blieb. Für das Studium im Osten entschied sich Eitel ganz bewusst. Dass er die Malerei als Kunstform wählen würde, war ihm immer klar, auch dass er den Menschen ins Zentrum stellt und dass seine Bilder gegenständlich bleiben würden. Die Leipziger Tradition des Figürlichen schreckte ihn nicht. Im Gegenteil: „Ich hatte das Gefühl, dass ich erst einmal etwas lernen muss, bevor ich es angreifen kann.“

Ortswechsel: Treptowers. In ihrem Firmensitz zeigt die Berliner Allianz Versicherungs-AG zurzeit eine kleine, aber sehr sehenswerte Gruppenausstellung mit Werken von Tim Eitel, Cornelius Völker und Matthias Weischer. Im Untergeschoss hängen die ausgewählten Arbeiten von Eitel, und obwohl der Raum nicht gerade dem Ideal des White Cube entspricht – laut rauscht eine Lüftung und an den großen Fenstern schlendern auf gleicher Ebene Spaziergänger vorbei – vermögen sie sofort die Aufmerksamkeit des Betrachters zu bannen. Wieder sind Menschen zu sehen, die still für sich Kunst oder die Natur betrachten oder sich darüber austauschen. Eitel lässt weg, was ihm verzichtbar erscheint, vereinfacht Elemente oder Hintergründe zu stumpfen Flächen, während ein Detail wie der Faltenwurf eines Mantels mit größter Präzision herausgearbeitet werden kann oder durch Farbkontraste herausgehoben ist. Diese Wechsel von dumpfer Schwärze, die aus einem bestimmten Blickwinkel wie ein Loch im Bildgrund erscheint, und aufblitzenden Lichteffekten macht einen besonderen Reiz seiner Arbeiten aus. Die Ebenen verschmelzen: Räume werden durch Lichtverläufe und Schatten geometrisch unterteilt, die Unterschiede zwischen dem Absperrgitter in einem Museum und die Gitterstruktur auf einem Mondriangemälde sind kaum noch auszumachen. Schon im Bildaufbau ist die intensive Auseinandersetzung des jungen Malers mit scheinbar so unvereinbaren Künstlern wie Caspar David Friedrich und Piet Mondrian ebenso erkennbar, wie die Beschäftigung mit Fragestellungen von aktueller figürlicher Malerei, die nie nur abbildet, sondern jenseits des Sichtbaren ebenso fiktionale wie reale Elemente enthält. Und Eitels höchst reflektierte Arbeiten sind ohne Frage zeitgemäß, ja zeitlich sogar direkt zuzuordnen: Die großen Umhängetaschen, schwarzen Wollmützen oder halblangen Marinejacken sind unumgängliche Modeaccesoirs der Kreativszene in den Neunzigerjahren. Eitel fängt hier auch ein Stück Lebensgefühl seiner Generation ein, wie es von Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre literarisch beschrieben worden sein mag.

Dieser Moment des Aufbruchs, aber auch der Sehnsucht steht im Zentrum eines anderen Bildes: Es zeigt vier Jungs, die eine Düne heraufklettern und wie eine Band wirken. Es sind indes Leipziger Malerkollegen aus der LIGA, einer Berliner Produzentengalerie in der Tieckstraße, in der auch Eitel schon mehrfach ausgestellt hat. Und es gehört auch zu dieser Arbeit der unkonkrete Charme des Sehnsüchtigen. Trotz seiner narrativen Haltung bleibt genug verborgen, um dem Bild seine Geheimnisse zu lassen. Alles könnte man hinter der Düne vermuten: das Leben, das gerade im Umbruch ist, der Erfolg, der irgendwann beginnt oder auch nur die nächste Strandparty. Hintergründig und humorvoll hat Eitel das Werk „Boygroup“ genannt. Wie seine anderen Werke ist auch dieses Hochformat nach Fotovorlagen entstanden. Solche Schnappschüsse macht Eitel beiläufig, meist, ohne dass es die Porträtierten bemerken. Im Atelier setzt er dann die festgehaltenen Motive neu zusammen. „Das Bild entsteht zunächst im Kopf,“ sagt er, „dann verändert es sich während des Malens“. Wer dort abgebildet ist, wird nebensächlich. Die Personen sind so weit entindividualisiert, dass sie zwar noch zu erkennen sind, aber in ihrer kühlen Glätte gleichzeitig zu einem Typus werden, in dem jeder jemanden zu erkennen glaubt.

„Boygroup“ hat die Berlin/Leipziger Erfolgsgalerie Eigen + Art, auf deren Künstlerliste auch Namen wie Neo Rauch oder Olaf und Carsten Nicolai stehen, neben anderen Gemälden Eitels in diesem Jahr auf der Art Basel in die USA verkauft. Im Frühjahr waren seine Werke in der viel diskutierten Ausstellung „deutschmalerzweitausendeins“ im Frankfurter Kunstverein zu sehen. Der dänische Galerist Nicolai Wallner lud den Maler zu einer Gruppenausstellung ein. Die Sommerausstellung bei Eigen + Art in Berlin beinhaltet ebenfalls zwei Werke. Im November folgt dann eine Ausstellung in Dresden, wo er mit drei anderen den diesjährigen Ermer-Preis erhält.

Es läuft gut. Aber einem großen Malertalent wie Tim Eitel wünscht man mehr als den schnellen Erfolg. Damit wie bisher am Ende jedes Bild sein Atelier verlassen kann.

Die Ausstellung „Drei Positionen zur Malerei“ in der Allianz Versicherung (An den Treptowers 3, ist noch bis 5. September zu sehen (täglich 10 bis 18 Uhr), die Sommerausstellung bei Eigen + Art (Auguststraße 26) bis zum 30. August. Tim Eitel: „Aussicht“, Holzwart Publications, Berlin 2003, 20 Euro.

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