Kultur : Hinter der Absperrung

„Fernwärme“ in den Sophiensälen

Jan Oberländer

Ein altes Ehepaar hat genug. Sie von ihm und er sowieso von allem. Zwei Paare stecken in einem Bus fest. Ein Polizist weiß nicht, warum er eine Absperrung bewacht, und das macht ihn fertig. In Reto Fingers Stück „Fernwärme“, das in der Regie von Leyla Rabih in den Sophiensälen uraufgeführt wurde, scheint niemand zu wissen, was eigentlich los ist. Irgendetwas ist passiert, es hat einen lauten Rumms gegeben, aber ob das eine Bombe im Schulkeller war, ein Fahrradunfall oder ein Raketenangriff, das bleibt offen. Die Stadt ist lahm gelegt, die Straßen dicht, die Abflussrohre verstopft, sogar die Mülldeponie arbeitet nicht mehr. Haymon Maria Buttinger, Godehard Giese, Maximilian Grill, Edelgard Hansen und Nicola Schössler sind in Michael Koepkes Bauklotzbühnenbild aus Sperrholzkisten Gestrandete in der eigenen Stadt und im eigenen Leben. Nur: Die diffuse Angst, die aus der geheimnisvollen „Sperrzone“ heraus sich des Alltags der Figuren bemächtigt, die Katastrophenahnung, sie wird nicht spürbar. Dazu sind die Szenen zu ziellos und zerfasert, die Figuren zu wenig differenziert. Keine Charakterstudie, aber auch keine Dekonstruktion. Und keine Überraschung.

Dabei wirft Reto Finger durchaus eine interessante Frage auf, nämlich die, wann das eigene Festsitzen Gefangenschaft ist und wann Geborgenheit, und unter welchen Umständen das eine in das andere umschlägt. Doch zu wenig wird daraus gemacht. Die Szene, in der Prelicz von seinen Kriegserinnerungen erzählt, ist noch die eindringlichste. Weil sie einmal wirklich ernst macht. Vielleicht bloß, weil sie die lauteste ist. Am Ende bleibt der Zuschauer hinter der Absperrung. Wie die Figuren, die ohnehin nicht wissen, wo sie sonst hinsollten.

Wieder vom 8. bis 12. März

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