Kultur : Hinter der Maske

Politischer Halloween: Bush und der Stimmungsumschwung in Amerika

Hans Christoph Buch

Chicago, Ende Oktober. „Trick or treat“ rufen amerikanische Kinder an Halloween, wenn sie an Haustüren klingeln und um Süßigkeiten betteln wie bei uns am Martinstag: Geld oder Leben – flüchten oder standhalten? Vor diesem Dilemma steht George W. Bush nach dem verlustreichsten Monat seit Beginn des Irakkriegs, dem mehr amerikanische Soldaten und irakische Zivilisten zum Opfer gefallen sind als je zuvor. Das Zweistromland versinkt im Chaos des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten, der kein Worst-Case-Szenario mehr, sondern blutiger Alltag ist, und Bagdads letzte Christen verlassen fluchtartig die zur Todeszone gewordene Stadt.

Der Ernst der Lage zeigte sich auch daran, dass Präsident Bush dem „New- York-Times“-Kolumnisten Thomas L. Friedman nicht widersprach, als dieser die Situation im Irak mit der Tet-Offensive verglich. Die Tet-Offensive war der Anfang vom Ende des Vietnamkriegs. Damals, im Februar 1968, stürmte ein Selbstmordkommando des Vietcong die US-Botschaft in Saigon und richtete ein spektakuläres Blutbad an, das Präsident Johnson zum Verzicht auf die Wiederwahl zwang und Richard Nixon den Weg zur Macht ebnete. Bald darauf entsandte Nixon seinen Chefdiplomaten Kissinger als Friedensunterhändler nach Paris und später nach Peking.

In Washington wird jetzt laut über einen Strategiewechsel nachgedacht. Denn die drohende Niederlage ist auch durch taktische Umgruppierungen der Streitkräfte nicht abzuwenden. Und die von Militärs empfohlene Truppenverstärkung ist politisch nicht durchsetzbar angesichts katastrophaler Umfragewerte kurz vor den Wahlen zum Senat und Kongress am 7. November.

Eine Neuauflage der Entspannungspolitik sei angesagt und dabei dürfe es keine Berührungsängste geben, meint der in San Francisco lebende Schriftsteller Herbert Gold, ein Veteran der Beat-Literatur. Schon wegen seiner jüdischen Herkunft hat Gold eine dezidierte Haltung gegenüber arabischen Terrorregimes und ist alles andere als ein Pazifist: Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Partisanenkämpfer ausgebildet, der hinter den deutschen Linien in Russland mit dem Fallschirm abspringen sollte, zum Glück aber nicht mehr zum Einsatz kam. „Die Politik der Stärke ist gescheitert“, sagt der frühere Beatnik und bringt damit die Gefühle vieler Intellektueller zum Ausdruck: „Die Irakpolitik ist ein Scherbenhaufen, und George W. Bush hat nur noch eine Chance: Er muss über seinen eigenen Schatten springen, Rumsfeld in die Wüste schicken und mit Amerikas Todfeinden reden, sogar – auch wenn es schwer fällt – mit Nordkorea und Iran!“

Dass solche Überlegungen, bis vor kurzem tabu, in Washington nicht mehr auf taube Ohren stoßen, zeigt sich daran, dass der amerikanische Präsident das Wort nation building aus seinem Vokabular gestrichen hat. Hinter vorgehaltener Hand ist mittlerweile vielmehr von der Aufspaltung Iraks in einen kurdischen, sunnitischen und schiitischen Teilstaat die Rede, obwohl dies Syrien und Iran, den Feinden Israels und der USA, Auftrieb gäbe. Das heute utopisch anmutende Ziel des Aufbaus einer stabilen Demokratie wurde stillschweigend ad acta gelegt. Im Mittleren Osten geht es nur noch um Schadensbegrenzung, und einmal mehr bestätigt sich die Einsicht, dass es leichter ist, einen Krieg vom Zaun zu brechen als ihn mit Anstand zu beenden – im Irak wie bald auch in Afghanistan. Die den US-Streitkräften befohlene Hit-and-Run-Strategie ähnelt nicht mehr der Flucht nach vorn, sondern der verzweifelten Suche nach einer Hintertür, durch die der Hauptakteur sich unauffällig von der Bühne stehlen kann.

Was die Machtbasis der Neokonservativen erodiert, sind dennoch nicht die täglichen Toten, deren Namen die Nachrichtensprecher verlesen. Denn anders als zur Zeit des Vietnamkriegs ist die Wehrpflicht abgeschafft; Amerika hat gelernt, mit dem Blutzoll zu leben, der geringfügig erscheint im Vergleich zu den Verlusten der irakischen Zivilbevölkerung. Es ist vielmehr die Foley-Affäre, die Bushs Glaubwürdigkeit untergraben hat: Bibeltreue Christen wenden sich enttäuscht von ihm ab, weil ein pädophiler Senator die Familienwerte beschmutzte, die er öffentlich vertrat, weil er also Wein trank und Wasser predigte – ein Paradebeispiel für puritanische Doppelmoral. Das erinnert an Präsident Johnson, gegen den sich ein Sturm der Entrüstung erhob, nicht weil er Nordvietnam in die Steinzeit bombte, sondern weil er bei einer Pressekonferenz seinen Hund an den Ohren zog.

Noch mehr macht Bush eine intellektuelle Herausforderung zu schaffen, mit der er nicht gerechnet hatte: der Aufstieg eines politischen Gegners, dessen Blitzkarriere die Demoskopen Lügen straft. Gemeint ist weder Hillary Clinton noch Bushs konservativer Rivale John McCain: Beide sind ins Gerede gekommen wegen ihres Kampftrinkens auf einer Rundreise durchs Baltikum, bei der die eiserne Lady den republikanischen Senator mit Wodka unter den Tisch getrunken haben soll. Es geht vielmehr um den neuen Shooting-Star der demokratischen Partei, Barack Obama.Wie einst John F. Kennedy bringt er das Kunststück fertig, das Ostküsten-Establishment einschließlich der Intellektuellen ebenso zu begeistern wie jüdische Amerikaner und Einwanderer aus der Dritten Welt.

Der 1961 geborene Sohn eines Kenianers und einer US-Bürgerin lehrt die Neokonservativen das Fürchten, weil er sie auf ihrem eigenen Feld schlägt: ein postkolonialer Selfmademan, der wie kein anderer die Werte einer multikulturellen Gesellschaft verkörpert. Gleichzeitig gehört er zur neuen Elite, die er in seinen Reden und Büchern beschwört, ganz unakademisch und ohne die radikale Rhetorik seines durch Korruptionsvorwürfe geschwächten Vorgängers Jesse Jackson.Hillary Clinton und Barack Obama sind das Traumpaar des liberalen Amerika, das hinter den Horrormasken von Halloween zum Vorschein kommt: Kein bequemer Partner für Europa, weil Demokraten und Republikaner sich zwar im Stil, aber nicht in der Sache voneinander unterscheiden, wenn es um die Wahrnehmung amerikanischer Interessen geht.

Der Autor lebt als Schriftsteller und politischer Essayist in Berlin. Zuletzt erschien von ihm: „Black Box Afrika – Ein Kontinent driftet ab“ (Zu Klampen Verlag).

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