Kultur : Hinter tausend Spiegeln

Feier der letzten Dinge: das Musikfestival auf Schloss Herrenchiemsee

Uwe Friedrich

Eine Fledermaus taumelt verloren durch das Finale von Schostakowitschs 15. Sinfonie im Spiegelsaal des Schlosses Herrenchiemsee. Die Kraftentfaltungen des Komponisten waren wohl zu viel für die Bewohnerin der monströsen Nippesfiguren unter der Decke. Nach einigen Flügelschlägen verschwindet sie wieder hinter dem vergoldeten Monumentalschmuck und lässt die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott ihre grandiose Interpretation unbehelligt weiterspielen. Mit seinen riesigen Fledermauskolonien in den etwa 50 unvollendeten Räumen ist das teuerste Märchenschloss Ludwigs II. nicht nur ein Touristenmagnet, sondern auch ein bedeutendes Biotop. Künstlerisch belebt wird Ludwigs bizarre Weihestube für den Sonnenkönig alljährlich durch die Herrenchiemsee-Festspiele des Dirigenten Enoch zu Guttenberg.

Wenn die Tagestouristen die Insel bereits verlassen haben, weisen livrierte Diener den Festivalgästen den Weg, schreiten beeindruckte Musikliebhaber durch Stuckmarmorsäle zu ihren Plätzen. Das Publikum soll „der Welt entrückt“ werden, so das Motto. Und das gelingt vor allem auch, weil die musikalische Qualität herausragend ist.

Auch hier führt im Mozartjahr kein Weg am Salzburger vorbei, doch stellt man ihn in ein aufregendes Spannungsfeld. Das Orchester der KlangVerwaltung, einem Zusammenschluss von Musikern, die der Beamtenroutine in den großen Symphonieorchestern entfliehen wollten, musiziert ebenso frisch wie Originalklang-Spezialensembles – es soll um Himmels willen keine Routine eintreten. Jeder Effekt wird mit Liebe und Hingabe zum Detail herausgearbeitet.

Eine Musizierhaltung, die freilich bei Mozarts „Gran Partita“, dargeboten von den Bläsersolisten der KlangVerwaltung, auch an ihre Grenzen stößt. Denn in den langsamen Sätzen kommt es nicht auf Details an, sondern vielmehr auf den Bogen, den langen Atem, der erst die Abgründe im vorwärts drängenden Rhythmus aufscheinen lässt. Das wiederum gelingt dem Orchester unter Andrew Parrott in Schostakowitschs 9. Sinfonie vorbildlich, weil die Doppeldeutigkeiten, der Sarkasmus und die Verzweiflung lustvoll ausgespielt werden. Zuvor hatten sie in der Cellistin Anja Lechner eine verlässliche Partnerin für Tschaikowskis Rokoko-Variationen gefunden und zeigten danach gleichsam nebenbei auch die Konstruktionsprobleme in Mozarts großer Es-Dur-Sinfonie auf. Die Akustik des schlauchartigen Spiegelsaals erweist sich als ideal.

Für den Festivalgründer Enoch zu Guttenberg, „der Baron“ genannt, geht es immer um die letzten Dinge. Die großen Werke, so sein Credo, haben immer eine Botschaft, und die müssen die Musiker vermitteln. Seine Ästhetik trägt konservative, um nicht zu sagen restaurative Züge, und folgerichtig sucht man zeitgenössische Musik vergebens. Diese Verweigerung hat auch etwas Sympathisches, schließlich macht er, was er mag, weigert sich, dem Zeitgeist hinterherzulaufen. Als Dirigent tritt er übrigens kaum auf, überlässt das Podium eher jenen Musikern, denen er sich wesensverwandt fühlt. Da heizt die Pianistin Beatrice Berthold die Variationen über „Là ci darem la mano“ von Frédéric Chopin auf, und der Dirigent Jonathan Swensen zeigt mit dem famosen Scottish Chamber Orchestra, dass der Orchesterpart doch nicht so schlecht ist, wie oft behauptet wird.

Dem Prunk des Spiegelsaals entflieht hingegen das Leipziger Streichquartett ins Rohbautreppenhaus. Ganz im Gegensatz zur spröden Umgebung setzt das Quartett auf eine süffig-romantische Interpretation von Mozarts „DissonanzenQuartett“ und rundet auch in Schostakowitschs 8. Quartett die Ecken und Kanten elegant ab. Etwas ruppiger im Ton nimmt sich der Festivalleiter Mozarts „Hochzeit des Figaro“ vor. Statt der Rezitative rezitiert eine zickig-gelangweilte Sunnyi Melles aus den neu geschriebenen „Memoiren der Gräfin“, was gut gelingt, weil sofort klar wird, warum der Graf nichts mehr von ihr wissen will. Miriam Meyer (Susanna) und Franziska Gottwald (Cherubino) ragen aus einem durch Indispositionen geschwächten Ensemble heraus. Selbst bei 38 Grad tragen die Herren im Publikum übrigens klaglos Anzug und Krawatte, Studenten in Räuberzivil wurden nicht gesichtet. Die würden auch nicht so recht passen in dieses königlich-bayerische Ambiente, in dem sich ein neu-altes Bürgertum noch einmal der hergebrachten Werte versichert.

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