Kultur : Hinter tausend Stäben eine Welt

Momente reiner Gegenwart: Fotografien von Yannick Demmerle in der Berliner Galerie Arndt & Partner

Peter Herbstreuth

Yannick Demmerle war letztes Jahr abseits der Wege im Naturschutzgebiet des Berliner Spreewalds mit einer Plattenkamera unterwegs. Er wanderte allein und auf eigene Faust, watete durch Sümpfe und schlief auf Moos, lebte tagelang in einem Bild, bevor er es ablichtete. Wer mit schwerer Kamera reist, denkt lange über Stand- und Blickpunkt nach, bevor er das Stativ aufbaut. Weshalb aber macht sich der 1969 geborene Elsässer solche Umstände in einer Zeit von Bilder-Banken und Photoshop-Programmen?

Die Hypermoderne interessiert ihn nicht. Er enttäuscht die Eiligen, die kaum einen Blick auf die acht Großformate (je 9000 Euro) geworfen haben und schon an die Romantiker C. D. Friedrich und J. Ch. Dahl oder gar an die Dschungelfotos von Thomas Struth denken. Mit solchen Erinnerungen ist für die Einsicht in dieses Werk nichts gewonnen. Vielmehr sucht Demmerle die Stille und in den Bildern Stillstand reiner Gegenwart. Bislang beschränkt er sich auf Motive aus dem Wald und Zoo, zeigt Orte mit einer Gegenlogik zum Fortschritt, Orte, die sich nicht verändern und die Michel Foucault „Heterotopien“ nannte. Darin liegt ein politischer Standpunkt, der durch die analoge Fotografie noch gesteigert wird. Ohne Sentimentalität setzt er Bäume und Käfige mit unterkühltem Blick ins Bild und presst sie ohne Fluchtpunkt in die Fläche. Im Gegensatz zu allen Romantikern sind in Demmerles Wäldern nirgendwo Ferne, Weite, ein Weg oder irgendein Zeichen der Kultur zu sehen, selten auch ein Horizont, sondern Gleichmaß, Symmetrie, rhythmische Staffelung, Reihung – klassische Bildorganisation. Damit ist er auf der sicheren Seite der Bildarchitektur. Er konstruiert die Gegenwelt in den Maßen klassischer Schönheit. Seine Bäume haben mehr mit Schinkels Säulenreihen zu tun als mit Friedrichs Naturvision, seine Käfige mehr mit der abgeklärten Ruhe von Gerhard Merz als mit dem lebendigen Blick Candida Höfers. Kaum war die Ausstellung eröffnet, schon war er wieder in der Sächsischen Schweiz unterwegs. Kein Zweifel: seine Flucht in die Bildordnung ist Gesellschaftskritik.

Galerie Arndt & Partner, Zimmerstraße 90/ 91, bis 31. Mai; Dienstag bis Sonnabend 12–18 Uhr.

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