• Hinterhoftreffen mit einer transsexuellen Chansonsängerin: Hedi Mohr - ein Stern vom anderen Stern

Hinterhoftreffen mit einer transsexuellen Chansonsängerin : Hedi Mohr - ein Stern vom anderen Stern

Früher hieß Hedi Mohr Christian und war Einser-Abiturient. Jetzt ist er eine Sie, lebt in Berlin und hat beim Bundeswettbewerb Gesang den Gisela-May-Chansonpreis gewonnen. Ein Hinterhoftreffen.

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Dort, wo Hedi Mohr wohnt, sieht es aus wie im Bilderbuch der armen Künstler.
Dort, wo Hedi Mohr wohnt, sieht es aus wie im Bilderbuch der armen Künstler.Foto: Mike Wolff

Sie hat Eindruck gemacht. Auf die Jury beim renommierten Bundeswettbewerb Gesang, die ihr den Gisela-May-Chansonpreis verlieh. Auf das Publikum beim Preisträgerkonzert am Monatsanfang im Friedrichstadt-Palast, wo sie – im langen Schwarzen und mit ganz großer Geste – die „Seeräuber Jenny“ sang. Diese Sängerin müsse man sehen, hat es danach geheißen. Die sei so was von exzentrisch, total exaltiert, trete barfuß auf, habe zugleich blondes und graublaues Haar, sei jetzt eine Frau, vorher aber ein Mann gewesen, einfach ein eigenwilliger Charakter, mit einer guten Stimme und hoher Musikalität noch dazu.

Das macht neugierig, da will man mehr wissen und schickt eine Interviewanfrage an den aufsteigenden Stern am Showhimmel raus. Hedi Mohr ist 22, die Antwort kommt zügig, der Ton ist höflich, aber bestimmt. „Als Erstes wäre es mir lieb, wenn wir uns duzen könnten“, mailt sie. Logo, Hedi, wird gemacht.

Sie wohnt wie aus dem Bilderbuch der armen Künstler: verrotteter Altbau in der Köpenicker Straße, zweiter Hinterhof. Jetzt bitte bitte Souterrain. Nein, es geht höher rauf. Hedi lacht. Sie singe zwar in feuchten Kellern, aber sie wohne nicht drin. Der Rock ist lang, das Angora-Oberteil flauschig, die mit Papierfetzen beklebte und bemalte Leinwand überm Küchentisch sieht selbst verfertigt aus. Ist sie aber nicht, sagt Hedi. Ihr Freund hat das Bild für sie gemacht. Und der Titel? „Hedi“, sagt Hedi. Es ist blau und rosa, da ahnt man gleich eine Anspielung auf wechselndes Geschlecht. Verfrüht. „Das sind schwarz-weiße Klaviertasten, Blau steht für den Himmel und Rosa für das Abendrot.“ Sie selber malt auch. Gerade arbeitet sie an einer Bewerbungsmappe für die UdK. „Ich suche ja immer Alibi-Studiengänge, damit ich nicht Musical studieren muss.“ Mit 18, als sie noch er war, Christian hieß, in Gelsenkirchen lebte und das Abitur mit Durchschnittsnote 1,1 hinlegte, war ihr das schon suspekt – Musical studieren. Deswegen hat sie nach dem Gewinn des zweiten Bundespreises bei „Jugend musiziert“ die Möglichkeit ausgeschlagen, an der Folkwang-Universität Essen genau das zu studieren. „War mir einfach zu flach.“

Flach oder einfach sind keine Kategorien für Hedi. Sonst hätte sie sich alles leichter gemacht. Wäre 2010 nicht nach Berlin gezogen, ohne jemanden zu kennen. Auf der Suche nach absoluter Freiheit, nach extremen Lebensentwürfen. Wäre nicht in der „queeren, linken Zeckenszene“, wie sie es nennt, und dem dazu passenden Hausprojekt gelandet. Hätte nicht Gender Studies und Musikwissenschaft an der HU studiert. Und vor allem nicht den Namen Christian und das dazugehörige Geschlecht abgelegt und sich Hedi genannt. Und zwar von ihrem Lieblingsmusical „Hedwig and the Angry Inch“ inspiriert. „Das ist ein Alien-Name und ich denke die meiste Zeit, dass ich ein Alien bin.“ Ein Wesen vom anderen Stern, zufällig beheimatet auf dem Planeten Erde.

Zwischenzeitlich habe sie sich mal als Transfrau bezeichnet, sagt sie. Aber das trifft ihr Wesen nicht. Das wäre am liebsten weder „er“ noch „sie“, sondern „es“. Weil das aber blöd klingt, bleibt sie beim „sie“. Daran ändert auch ein Penis nichts. „Mein Schwanz ist nur ein Stück Fleisch“, sagt Hedi, die 2011 den Queer-Vision-Songcontest im SO 36 mit einem selbst geschriebenen Lied gewonnen hat und gelegentlich im Südblock oder Schwuz und regelmäßig bei der Partyreihe Chantals House of Shame auftritt. Geschlechtsidentität, was sei das schon, sagt Hedi, nichts weiter als ein Konstrukt. Deshalb versteht sie sich auch als politische Künstlerin. Und sie verehrt neben Hilde Knef und Edith Piaf eine kontroverse Figur wie die Journalistin und Terroristin Ulrike Meinhof.

Von der stammt der Satz „Die Würde des Menschen ist antastbar“, den Hedi so gut wie sonst nur Brechts Seeräuber-Jenny versteht. „Die Jenny, das bin ich – eine ausgestoßene Person, die Wut und Trauer in sich trägt.“ Zum Konzert im Friedrichstadt-Palast ist auch ihr Vater aus Gelsenkirchen gekommen, zum allerersten Mal. Die Mutter sowieso. Die tut sich weniger schwer mit Hedi. Die ist sogar zu RTL II mitgekommen, wo Hedi 2011 in der Musikshow „My Name is ...“ als Lady Gaga aufgetreten ist. „Meine Jugendsünde“ nennt Hedi die auf Youtube dokumentierte Freakshow im selbst genähten Fummel und schüttelt über sich selbst den Kopf. „Eigentlich verachte ich Popmusik ja ein bisschen.“ Ist ihr ebenfalls zu flach. Auch das mit einer Singleveröffentlichung verbundene Elektroprojekt Hedi Mohr feat. Red Noise, in dem sie auf Youtube als David-Bowie-Wiedergänger zu betrachten ist, liegt hinter ihr. Sie mag das Chanson lieber. „Da kann ich ein größeres Spektrum an Emotionen zeigen.“

Das hat auf Gisela May Eindruck gemacht. Nach der großen Brecht-Interpretin ist der Preis benannt, den Hedi beim Bundeswettbewerb gewonnen hat. „Die war sehr nett und fand meinen Auftritt gut“, sagt Hedi. Wie lange sie May schon verehrt? „Erst seit der Preisverleihung“, lächelt Hedi, „aber jetzt umso inniger.“ Dass sie die 89 Jahre alte Diseuse vorher nicht kannte, hat sie der Jury gegenüber lieber nicht zugegeben.

Es dunkelt in der Hinterhofwohnung. Neben dem Schokoladenadventskalender flackert eine Kerze. Das E-Piano steht nebenan im Schlafzimmer, da hängen auch die glitzernden Bühnenkleider. Hedi stimmt mit kräftiger Stimme eins ihrer Lieder an – „Flutkinder“ –; draußen verschwimmt die dezemberfeuchte Welt. „Gischt und Ebbe“ heißt ihr Romanmanuskript, das bislang keiner verlegen will. Hedi zeigt ein paar Bilder. Männer und Frauen in Ölkreide, mit sichtbarem Talent gezeichnet. „Ich kann halt alles ganz gut, das ist das Problem“, sagt sie so kokett wie ratlos. Doch eigentlich ist nur die Bühne ihr Ziel. Nirgends kann sie sich besser in der Musik auflösen als dort. Sie träumt von einem eigenen Chansonabend in der Bar jeder Vernunft.

Auf Thomas Pigor, als Sänger, Texter, Komponist eine wichtige Figur der Kleinkunstszene, hat sie beim Bundeswettbewerb so viel Eindruck gemacht, dass er sie genau dorthin zu einem Gastauftritt im Nachtsalon eingeladen hat. Hedi hat abgesagt. Es ist der Tag nach Weihnachten. Da ist sie noch bei ihrer Familie in Gelsenkirchen. Sie hat ihre eigenen Prioritäten.

Hedi Mohr zu Gast bei Chantals House of Shame, Bassy Club, Schönhauser Allee 176a, Prenzlauer Berg, 9. Januar., 23 Uhr

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